Digitalisierung als Chance für die politische Beteiligung?

„Digitalisierung bietet eine Chance für die politische Beteiligung.“ Dieser Aussage stimmt eine Mehrheit der im Rahmen des aktuellen easyvote-Politikmonitors befragten 15- bis 25-Jährigen zu. Gleichzeitig beziehen dieselben Jugendlichen und jungen Erwachsenen ihre Informationen zu Abstimmungen und Wahlen primär über ihre Eltern, in der Schule oder über die klassischen (Print-)Medien. Die sozialen Medien erachten sie hingegen in der Informationsbeschaffung als weniger relevant (gfs.bern 2019). Die Chancen der Digitalisierung liegen also andernorts. Aber wo genau? Mögliche Erklärungen auf diese Frage will dieser Blogbeitrag liefern.

 

Soziale Medien stellen nicht nur mögliche Informationsquellen dar, sondern sie bieten auch die Möglichkeit, sich zu vernetzen, über politische und apolitische Inhalte zu diskutieren oder selbst solche Inhalte zu produzieren. Liegt die Chance der Digitalisierung also darin, dass die Nutzung sozialer Medien einen positiven Einfluss auf die (politische) Partizipation hat? Verschiedene Studien haben sich dieser Frage gewidmet und untersucht, wie sich die Nutzung sozialer Medien auf die politische oder zivilgesellschaftliche Partizipation auswirkt.

Die Chance sozialer Medien

Boulianne (2015) fasst 36 dieser Studien in einer Metaanalyse zusammen. Sie zeigt, dass insgesamt eine positive Beziehung der beiden genannten Variablen festzustellen ist. Das bedeutet, dass eine vermehrte Nutzung sozialer Medien mit einer erhöhten Partizipation einhergeht. Sie hält jedoch fest, dass nicht klar ist, ob die Nutzung sozialer Medien tatsächlich die Ursache für eine vermehrte Partizipation ist, sprich ob eine kausale Beziehung vorliegt. Eine Möglichkeit für die Prüfung dieser Kausalität bietet die Arbeit mit Paneldaten. Das sind Daten, die durch Befragungen derselben Personen zu mehreren Zeitpunkten entstanden sind. So kann überprüft werden, ob die Nutzung sozialer Medien der politischen Partizipation vorausgeht. Damit wäre eine notwendige Bedingung für das Vorliegen eines Kausalzusammenhangs erfüllt (Pforr & Schröder, 2015, 1). Sechs der 36 Studien, die Boulianne untersucht hat, haben mit solchen Paneldaten gearbeitet. Diese sechs Studien haben eher weniger positive und signifikante Resultate erzielt als der Rest der untersuchten Studien. Diese Resultate lassen Zweifel an einer kausalen Beziehung zwischen Social-Media-Nutzung und vermehrter politischer Partizipation aufkommen (Boulianne, 2015, 534).

Kausalzusammenhang mit Vorsicht zu betrachten

Eine weitere Möglichkeit zur Überprüfung eines kausalen Zusammenhangs bietet eine experimentelle Forschungsmethode. Eine solche haben Theocharis und Lowe angewendet (2016). Sie haben untersucht, wie sich die Nutzung eines Facebook-Accounts auf verschiedene Arten der Online- und Offline-Partizipation auswirkt. Dafür haben sie 200 GriechInnen zwischen 18 und 35 Jahren rekrutiert, die über keinen Facebook-Account verfügten. Von diesen 200 Menschen wurden zufällig 120 Personen ausgewählt und gebeten, einen Facebook-Account zu eröffnen und diesen während eines Jahrs zu benutzen (Theocharis & Lowe, 2016, 1471). Das Experiment zeigte, dass die Facebook-Nutzung einen negativen Effekt auf alle untersuchten Formen der Partizipation hatte (2016, 1479). Sie relativieren diese Erkenntnisse zwar mit dem Hinweis, dass das Experiment während der griechischen Staatsschuldenkrise durchgeführt wurde und Facebook daher eine Möglichkeit bot, dem tristen Alltag zu entfliehen (2016, 1480). Trotzdem zeigt die Arbeit, dass der von vielen Studien postulierte positive Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und politischer Partizipation mit Vorsicht betrachtet werden muss.

Die Chancen von Online-Zeitungen

Die Chance der Digitalisierung für die politische Beteiligung liegt also vermutlich nicht in den sozialen Medien. Die Forschungsliteratur verweist aber auch auf Online-Zeitungen als Förderer der politischen Partizipation. Moeller et al. (2018) untersuchen, ob der Kontakt mit Medienbeiträgen, die sowohl die EU in irgendeiner Form wie auch Themen, welche junge Menschen beschäftigen, erwähnen, einen Effekt auf die Teilnahme von ErstwählerInnen an den Europawahlen hatte (Moeller et al., 2018, 445/450). Es zeigt sich, dass insbesondere der Kontakt mit den erwähnten Inhalten in digitalen Medien einen positiven Effekt auf die Teilnahme der ErstwählerInnen an den Europawahlen haben (2018, 457). Moeller et al. sehen, ausgehend von den Arbeiten verschiedener AutorInnen, vier Gründe dafür, weshalb besonders die digitalen Zeitungen einen positiven Effekt auf die Partizipation junger Erwachsener haben: Erstens sprechen Onlinemedien durch Multimediapräsentationen und Interaktivität besonders junge Menschen an. Zweitens erlauben sie eine Diskussion der News auf sozialen Medien. Drittens können mit Onlinemedien Informationen schnell und selektiv durchgesehen werden. Viertens sind die Informationen auf digitalen Geräten zugänglich (Moeller et al., 2018, 447). Onlinezeitungen sind also ein geeignetes Tool zur Vermittlung von Informationen für Jugendliche und junge Erwachsene. Der easyvote-Politikmonitor unterstützt diese Erkenntnis. Online-Zeitungen stehen bei Jugendlichen an vierter Stelle der beliebtesten Kanäle, wenn es um die Beschaffung von Informationen für Abstimmungen geht (gfs.bern, 2019). Sie bieten daher eine mögliche Chance für die politische Beteiligung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Die Chancen weiterer digitaler Tools

Die Digitalisierung beschränkt sich nicht nur auf soziale Medien und Onlinezeitungen. Als letztes wird daher eine Studie betrachtet, die den Effekt sogenannter Voting Advice Applications (VAA) untersucht hat. VAAs sind E-Democracy-Tools, die das Ziel haben, WählerInnen in ihrem Entscheidungsfindungsprozess zu unterstützen (Ladner & Pianzola, 2010, 212). Ein bekanntes Beispiel für ein Schweizer VAA ist die Online-Wahlhilfe smartvote. Ladner und Pianzola betrachteten den Effekt der Nutzung von smartvote auf die Teilnahme an den nationalen Wahlen von 2007 in der Schweiz. Sie zeigen, dass besonders junge Menschen smartvote genutzt und angegeben haben, durch die Plattform zur Wahlteilnahme motiviert worden zu sein. Als Grund für diesen Effekt nennen Ladner und Pianzola, dass VAAs wie smartvote einen effizienten Zugang zu verdichteten Informationen über Politik, politische Parteien und Kandidierende bieten (2010, 214). Auch hier spielen also die Schnelligkeit und Selektivität, die Moeller et al. als wichtige Faktoren nennen, eine Rolle. Zudem erfüllen VAAs auch das Kriterium der Interaktivität, das Moeller et al. als zentral identifiziert haben. Die Nutzung von VAAs bietet somit neben Online-Zeitungen ebenfalls eine Möglichkeit zu mehr politischer Beteiligung.

Fazit

Worin liegen die Chancen der Digitalisierung für die politische Beteiligung? Dieser kurze und nicht abschliessende Überblick über die Literatur zeigt, dass die Chancen der Digitalisierung möglicherweise in der Tatsache liegen, dass digitale Tools das Bedürfnis junger Menschen nach multimedialen Inhalten, Interaktivität, Schnelligkeit und Effizienz erfüllen können. Plattformen wie Instagram, Twitter und Facebook kommen zwar mancher dieser Punkte nach, nicht aber dem Kriterium der Effizienz. Soziale Medien können, im Gegensatz zu Online-Zeitungen und VAAs, also bei der Frage nach der Förderung politischer Beteiligung von Jugendlichen ausgeschlossen werden. So bieten sie mannigfache Ablenkung von politischen Inhalten und sind als Informationstool für Jugendliche und junge Erwachsene daher weniger geeignet.

Im Hinblick auf die Wahlen 2019 versucht easyvote, ein Projekt des Dachverbandes Schweizer Jugendparlamente DSJ, mit dem Projekt VoteNow19 diese Bedürfnisse zu erfüllen und so junge Erwachsene zur Teilnahme an den Wahlen zu motivieren. Zentrale Plattform des Projekts ist die Website von easyvote. Durch das easyvote-Lexikon, kantonale Wahlclips und Dossiers zu jugendrelevanten Themen wird der Anspruch der kondensierten und einfachen Informationsbeschaffung erfüllt. Weiter können Fragen zum Wählen auf den Social-Media-Kanälen von easyvote gepostet werden, mit der Garantie, dass diese innerhalb von 24 Stunden beantwortet werden. So wird die Interaktivität gewährleistet. Durch die bereits erwähnten Clips wird auch die Bereitstellung multimedialer Inhalte beachtet. Die Daten aus dem easyvote-Politikmonitor 2018 zeigen, dass die Strategie von easyvote erfolgsversprechend ist. Von allen abgefragten Informationsquellen werden die drei Angebote von easyvote, also die Clips, die Website und die Abstimmungsbroschüre, als hilfreichste Informationsquellen zur Meinungsbildung eingestuft. Ob eine Chance der Digitalisierung in Projekten wie VoteNow19 liegt und so für die Wahlen 2019 mehr junge Menschen an die Urne gebracht werden können, wird sich dieses Jahr zeigen. Zentral ist aber auf jeden Fall, dass das Bewusstsein für die Wahlen nicht nur über digitale Tools, sondern auch offline geschärft wird, sei dies über die Eltern, an Schulen oder unter FreundInnen. Denn auch das zeigt der easyvote-Politikmonitor: Die Schule und die Eltern gehören sowohl zu den wichtigsten Informationsquellen der Jugendlichen, wie auch zu den wichtigsten motivierenden Akteuren für politische Aktivitäten (gfs.bern, 2019). Es braucht daher eine breite Palette an On- und Offline-Aktivitäten, um die Jugendlichen und jungen Erwachsenen 2019 zum Wählen zu bringen.


Text von Nora Räss, 23.04.2019

Bild von Kev Costello auf Unsplash

 

Quellen

  • Boulianne, Shelley. 2015. Social Media Use and Participation: a Metaanalysis of Current Research. Information, Communication & Society. 18(5), 524-538.
  • gfs.bern. 2019. Problemzone Alltagsbezug. easyvote-Politikmonitor 2018. Bern: gfs.bern.
  • Ladner, Andreas & Joëlle, Pianzola. 2010. Do Voting Advice Applications Have an Effect on Electoral Participation and Voter Turnout? Evidence from the 2007 Swiss Federal Elections. In: Tambouris E., Macintosh A., Glassey O. (eds) Electronic Participation. ePart 2010. Lecture Notes in Computer Science, vol 6229. Springer, Berlin, Heidelberg.
  • Moeller, Judith., Kühne, Rinaldo & De Vreese, Claes H. 2018. Mobilizing Youth in the 21st Century: How Digital Media Use Fosters Civic Duty, Information Efficacy, and Political Participation. Journal of broadcasting & electronic media, 62(3), 445-460.
  • Pforr, Klaus & Schröder, Jette. 2015. Warum Panelstudien. Mannheim, GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften (GESISSurvey Guidelines). DOI: 10.15465/gesis-sg_008. 
  • Theocharis, Yannis & Will, Lowe. 2016. Does Facebook Increase Political Participation? Evidence from a Field Experiment. Information, Communication & Society. 19(10), 1465-1486.