Genug lamentiert!

 

Über die Krise des Schweizer Milizsystems und den fehlenden Nachwuchs aus den Reihen der jüngeren Generation wurde schon viel geschrieben. Der Dachverband Schweizer Jugendparlamente DSJ findet deshalb: Genug lamentiert! In den letzten Monaten hat der DSJ mehrere Ideen entwickelt, die helfen könnten, das Nachwuchsproblem im Schweizer Milizsystem zu lösen. Dazu zählen ein Jugendgemeinderat, die Nutzung digitaler Mittel zur Flexibilisierung des Milizamts und MilizinfluencerInnen.

 

Milizinfluencer

InfluencerInnen sind allgegenwärtig. Auf Social Media-Plattformen teilen Berühmtheiten und solche, die es werden möchten, jedes scheinbar noch so intime Detail ihres Lebens. Gleichzeitig machen sie mehr oder weniger offensichtlich Werbung für die neuesten Gadgets sowie Schönheitsaccessoires. Man mag davon halten was man will. Fakt ist, dass Erfolg und Einfluss heute auch mithilfe der Zahl von Clicks, Likes und Shares gemessen wird. Wir glauben, dass dieses Phänomen auch dem Milizsystem der Schweiz zugutekommen kann. MilizinfluencerInnen haben das Potenzial, jungen Nachwuchs für das Milizsystem auf eine neue und sehr aktuelle Weise zu fördern.

Für Jugendliche und junge Erwachsene ist die Verwendung des Internets und von Social Media eine Selbstverständlichkeit (Suter et. al. 2018, 18-24). Potenzielle NachwuchskandidatInnen für Milizämter sollten deshalb dort abgeholt werden, wo sie sich bewegen, nämlich den Sozialen Medien. Eine kleine Schar von interessierten jungen Erwachsenen mit Milizämtern soll zu kompetenten PolitikerInnen und InfluencerInnen ausgebildet werden. Fortan fungieren sie als leuchtende Vorbilder für eine junge Generation von Miliztätigen. Zu diesem Zweck teilen sie spannende Erlebnisse aus ihrem Leben als GemeinderätInnen bzw. Kommissionsmitglieder mit ihrer digitalen Gefolgschaft. So können sie Letztere dazu inspirieren, es ihnen gleich zu tun. Mittelfristig werden sich also Multiplikatoreneffekte einstellen, weil einige Follower der Miliztätigen dereinst selber zu MilizinfluencerInnen werden. So wird das System zu einem Selbstläufer.

 

Jugendgemeinderat

Jugendgemeinderäte funktionieren als Spiegelbilder ordentlicher Gemeinderäte. Sie verfügen über die gleichen Ressorts und beraten über dieselben Geschäfte wie ihre «erwachsenen» Pendants, sofern die zur Diskussion stehenden Anliegen die Jugendlichen der Gemeinde selber betreffen. Der Jugendgemeinderat kann aber auch eigene Ideen und Wünsche formulieren und sich so proaktiv in den politischen Prozess einbringen. Das Gremium besteht aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Gemeinde im Alter von 14 bis 25 Jahren. Der ordentliche Gemeinderat wählt seine Mitglieder und achtet dabei auf eine angemessene Vertretung aller soziodemographischen Schichten. Mit einem Jugendgemeinderat kann somit die jüngere Generation an die Gemeindepolitik und das Milizwesen herangeführt werden. Damit wird sichergestellt, dass NachwuchspolitikerInnen das Handwerk der Gemeindepolitik von der Pike auf lernen und sich so schon früh für höhere Aufgaben empfehlen können.

Ganz neu ist die Idee freilich nicht, ähnliche Gremien existieren bereits in einigen Gemeinden der Schweiz sowie in manchen anderen europäischen Ländern (Stichwort Co-Management). In der Regel haben solche Jugendgemeinderäte allerdings keine Befugnisse und verfügen über keine finanziellen Ressourcen, um ihre Projekte umzusetzen (siehe dazu auch unser Blogbeitrag von 2018). So verkommen diese Gremien oft zu Sandkastenübungen, die bei den Beteiligten mehr Frust als Begeisterung hervorrufen. Der DSJ ist deshalb überzeugt, dass es notwendig ist, dem Jugendgemeinderat Kompetenzen zu gewähren und Ressourcen zur Verfügung zu stellen (z.B. ein Promille des Gemeindebudgets). So können die NachwuchspolitikerInnen auch Verantwortung übernehmen und tatsächlich etwas bewirken.

 

Flexibler & digitaler Gemeinderat

Einer der gewichtigsten Gründe für die Untervertretung junger Personen – insbesondere junger Frauen (Freitag, Bundi, Flick Witzig, 2019, 68-71) – im Schweizer Milizsystem ist das Fehlen verschiedener Arbeitszeitmodelle. Genau wie in der Privatwirtschaft sollten die Milizämter deshalb flexibler gestaltet werden, um für die jüngere Generation attraktiv zu werden. Zu diesem Zweck muss an zwei Orten angesetzt werden. Einerseits mit der Einführung von Job-Sharing, was die Aufteilung eines Milizamtes auf mehrere Personen und damit die flexible Gestaltung des Arbeitspensums ermöglicht. Andererseits über die Möglichkeit von Remote Work, also dem zeit- und ortsunabhängigen Arbeiten. Technisch umsetzbar wird dieser Remote Work-Ansatz durch IT-Lösungen, welche die Erledigung der meisten Arbeiten eines Milizamtes aus der Ferne ermöglichen (Video-Konferenzen, Geschäftsverwaltungssysteme, digitales Signieren, etc.).

Mit diesem Ansatz wird der steigenden Mobilität von Jugendlichen und jungen Erwachsenen Rechnung getragen, welche zwecks Studium und Arbeit immer öfter in die urbanen Zentren im In- und Ausland ziehen. Der DSJ glaubt, dass damit die Flexibilität von Milizämtern erhöht, die Aufgabenteilung erleichtert sowie die Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit und die Inklusion der jüngeren Generation gefördert werden können.

 

Haben auch Sie Ideen, wie man das Milizsystem reformieren und für die jüngere Generation attraktiver machen könnte? Dann melden Sie sich zu der vom DSJ und der HTW Chur organisierten Tagung in Bern an.

«Jugend, Mobilität und Digitalisierung im Schweizer Milizwesen», 28. November 2019

 


Text von Flavio Eichmann, 24.07.2019

 

Literaturhinweise

Freitag, M., Bundi, P., Flick Witzig, M. (2019). Milizarbeit in der Schweiz. Zahlen und Fakten zum politischen Leben in der Gemeinde. Zürich: NZZ Libro Verlag.

Suter, L., Waller, G., Bernath, J., Külling, C., Willemse, I., & Süss, D. (2018). James – Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz. Zürich: Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Verfügbar unter folgendem Link (06.07.2019).

Bild von Blake Barlow auf Unsplash.