Speak up for your Milizsystem!

 

In den vergangenen Monaten überboten sich PolitikerInnen, Forschende und InteressensvertreterInnen mit Reformvorschlägen, wie das Schweizer Milizsystem erneuert werden könnte. Brennpunkt vieler Initiativen ist die schwierige Rekrutierung junger Erwachsener für vakante Milizämter Denn gerade die jüngere Generation ist in den Gemeindestuben unseres Landes markant untervertreten. Nur – die potentiellen Nachwuchskräfte hat bislang kaum jemand gefragt. Der Dachverband Schweizer Jugendparlamente DSJ fand deshalb, dass es an der Zeit ist, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in die Diskussion rund um die Reform des Milizwesens einzubeziehen. Wir haben sie gefragt: Wie stellt ihr euch das künftige Milizsystem vor?

 

Der DSJ lud JugendparlamentarierInnen und JungpolitikerInnen der ganzen Schweiz am 6. November 2019 zur Soirée Politique ein, um gemeinsam Reformvorschläge zu entwickeln und zu diskutieren. Auf diesem Weg konnten potentielle Nachwuchskräfte sagen, was ihnen nicht passt, und was sich ändern müsste, damit das Milizwesen für die jüngere Generation wieder attraktiver würde. Denn sie sind es, die in den nächsten Jahren das Milizwesen gestalten werden. Es ist nur schon deshalb angezeigt, ihre Wünsche und Ideen ernst zu nehmen. Wenn das Milizsystem nachhaltig reformiert werden soll, muss es sich ihren Bedürfnissen anpassen – nicht umgekehrt.

An Ideenreichtum mangelte es den rund 50 jungen Erwachsenen, die an der Soirée Politique teilgenommen haben, wahrlich nicht. Die mehr als ein Dutzend am Ende des Abends formulierten Ideen lassen sich grob drei Stossrichtungen zuordnen:

  • Anerkennung und Kompensation
  • Mentoring, Information und Vermittlung
  • Flexibilisierung und digitales Arbeiten

Im Folgenden sollen diese drei Stossrichtungen vertieft diskutiert werden. Dabei wird auch erörtert, inwiefern ihre Umsetzung realistisch ist.

 

Mehr Anerkennung und Kompensation

Viele Teilnehmende der Soirée Politique fanden, dass die Miliztätigkeit zu wenig entschädigt würde und deshalb kaum gesellschaftliche Anerkennung erfahre. Die naheliegende Option wäre natürlich, die Miliztätigen für ihre Aufwände finanziell angemessen zu entschädigen. Doch das käme einer Professionalisierung der Milizämter gleich, die ja gerade verhindert werden soll – ganz abgesehen von der Tatsache, dass insbesondere kleinere Gemeinden Mühe hätten, die dafür anfallenden Kosten zu tragen.

Also braucht es Alternativen: Denkbar wäre beispielsweise, die Miliztätigkeit in Form von ECTS-Punkten zu entschädigen – diese Idee wurde etwa am Ideenwettbewerb des Schweizerischen Gemeindeverbands vorgestellt. Die Umsetzung wäre aber langwierig und koordinativ anspruchsvoll, da dieses Anliegen bei verschiedensten Stellen Anklang finden müsste.

Ähnlich problematisch wäre eine Kompensation von Diensttagen durch das Milizamt, denn davon würden ja ausschliesslich wehrpflichtige Männer profitieren. Eine knappe Mehrheit der Teilnehmenden der Soirée Politique fand deshalb die Ausweitung der Dienstpflicht auf Frauen eine naheliegende Lösung. Doch worin würde die Dienstpflicht für Frauen genau bestehen? Die Armee hat jedenfalls vor dem Hintergrund sinkender Truppenbestände keinen Bedarf an weiteren Wehrpflichtigen. Die Dienstpflicht müsste deshalb neu gedacht werden. Vielversprechender ist so gesehen die Idee der Einführung eines allgemeinen, gesetzlich verankerten Bürgerdienstes, wie er unter anderem auch von Avenir Suisse gefordert wird. Viele Teilnehmende fanden diesen Vorschlag begrüssenswert. Allerdings bleibt nach wie vor zu definieren, welche Tätigkeiten dieser neu zu schaffende Bürgerdienst genau umfassen soll. Wird etwa neben dem Milizamt auch die allzu oft unterschätzte Care-Arbeit vieler Frauen berücksichtigt (BFS 2015, 4)? Und wie sähe die konkrete Umsetzung aus? Eine Kompensation der Miliztätigkeit, so willkommen sie auch sein mag, ist also noch mit einigen Stolpersteinen verbunden. Deshalb dürfte eine rasche Umsetzung wohl kaum realistisch sein. Gerade dies wurde auch von vielen JungpolitikerInnen und JugendparlamentarierInnen an der Soirée Politique bemängelt.

Wohl nicht zuletzt aufgrund dieser Schwierigkeiten kam an der Soirée Politique die Idee auf, anstatt die Miliztätigen selber für ihr Engagement zu kompensieren, deren Arbeitgeber für die Freistellung finanziell zu entschädigen. Damit hätten die Arbeitgeber einen konkreten Anreiz, die Miliztätigkeit ihrer Mitarbeitenden zu fördern. So verführend der Gedanke auch sein mag -  es fragt sich, ob damit nicht letztlich der falsche Akteur finanziell von der Arbeit der Miliztätigen profitiert, während letztere nach wie vor leer ausgehen.

 

Mentoring, Information und Vermittlung

Die Befürchtung, als junger Erwachsener mit einem Milizamt überfordert zu sein, gab an der Soirée Politique ebenfalls Anlass zu angeregten Diskussionen. Die Schaffung eines Mentoringprogramms (Motto «Find your local mentor») erachteten deshalb viele Teilnehmende als eine gewinnbringende Lösung, um etwaige Ängste abzubauen. So könnte z.B der bzw. die AmtsvorgängerIn neue Miliztätige behutsam an ihre Aufgaben heranführen. Damit würde ein sanfter Übergang sichergestellt. Ohnehin begrüssten viele Teilnehmende der Soirée Politique die Stärkung informeller Netzwerke aktiver, ehemaliger und potenzieller Miliztätigen (wie z.B. jenes des Vereins FJG).

Ein weiterer Punkt war die Verbesserung der Informationsgrundlage über das Milizwesen für Jugendliche und junge Erwachsene – die Website www.milizpolitik.ch des DSJ ist diesbezüglich sicher ein Schritt in die richtige Richtung. An der Soirée Politique äusserten etwa viele ihr Unverständnis darüber, dass sie im Rahmen ihrer Schulausbildung nie über die Bedeutung des kommunalen Milizwesens sowie der Möglichkeit erfahren hätten, wie man sich darin engagieren kann. Hier gibt es also noch Nachholbedarf!

Konkret drückt sich die fehlende Aufklärungsarbeit seitens der Gemeindebehörden auch darin aus, dass ein Grossteil der Teilnehmenden nicht wusste, wie sie sich überhaupt auf ein Milizamt bewerben können bzw. wo vakante Milizämter ausgeschrieben würden. Deshalb kam die Idee auf, eine Website für eine nationale Vermittlungsbörse vakanter Milizämter zu schaffen, auf der man sich online bewerben könnte. Es stellt sich dabei aber zum einen die Frage, wer diese Plattform entwickelt, unterhält und nachhaltig finanziert. Zum anderen müsste die Wohnortspflicht für Miliztätige zumindest gelockert, wenn nicht ganz aufgehoben werden, damit eine national angelegte Vermittlungsbörse vakanter Milizämter überhaupt Sinn machen würde.  

 

Flexibilität und digitales Arbeiten

Generell forderten die Teilnehmenden der Soirée Politique mehr Flexibilität. Immer mehr junge Erwachsene ziehen für Arbeit und Studium in urbane Zentren. Die Lebenswelt der Jungen ist häufig von Mobilität und Unverbindlichkeit geprägt. Gradlinige Lebensentwürfe, wie sie noch in vorherigen Generationen häufig waren, sind seltener geworden. Die Wohnortspflicht ist auch deshalb nicht mehr zeitgemäss.

Konkret steht neben der Forderung nach einer flexiblen Ausgestaltung des Milizamtes auch die Möglichkeit zum Job-Sharing im Raum. Gleichzeitig muss sich aber die Milizarbeit selber an die mobilen Lebenswelten der jüngeren Generation anpassen. So verlangten die Teilnehmenden der Soirée Politique einhellig, dass die Dokumentenverwaltung komplett digitalisiert werden müsse. Zudem solle es möglich sein, an Sitzungen auch per Videotelefonie teilzunehmen und Dokumente mit digitaler Unterschrift zu signieren. Das alles würde ein weitgehend ortsunabhängiges Arbeiten erlauben und somit dem Alltag vieler junger Erwachsener entgegenkommen. Viele der genannten Funktionen sind bereits in handelsüblichen Office-Paketen vorhanden – sie müssten je nach Bedarf bloss noch sinnvoll ergänzt und zusammengefügt werden. Hier gilt es wohl weniger, technische Hürden zu überwinden, als vielmehr traditionalistische Vorurteile gegenüber der digitalen Arbeitswelt abzubauen. Und selbstverständlich müsste das System gegenüber Missbrauch gesichert sein. Doch wenn man sich vor Augen hält, dass Arbeitsabläufe in vielen Verwaltungseinheiten und grösseren Unternehmen längst digital vonstatten gehen, scheinen dies lösbare Herausforderungen zu sein.

 

Wie weiter?

Was passiert nun mit den hier diskutierten Ideen, die aus der Soirée Politique hervorgegangen sind? Zunächst werden diese am 28. November 2019 im Rahmen einer vom DSJ organisierten Tagung zusammen mit ExpertInnen aus Politik, Verwaltung Wissenschaft und Forschung diskutiert werden. Gleichzeitig sind aber auch die Teilnehmenden der Soirée angehalten, die Idee in die Politik ihrer Gemeinden einzubringen und so ihrerseits zur Reform des Milizwesens beizutragen. Schliesslich plant der DSJ zusammen mit diversen Jugendparlamenten, die Ideen in die Gemeindehäuser der Schweiz zu tragen. Damit will er zeigen, wie wichtig es ist, die jüngere Generation für das Milizwesen zu gewinnen. Auch wenn sich das Jahr der Milizarbeit dem Ende zuneigt, bleibt noch viel zu tun: Der DSJ bleibt am Ball!

 


Text von Flavio Eichmann, 26.11.2019

 

Quellen

Bundesamt für Statistik (2015): Freiwilliges Engagement in der Schweiz 2013/2014, Neuchâtel.

Foto: Hivan Arvizu Soyhivan, Unsplash