Gender Gap im Wahl- und Abstimmungsverhalten: Eine Zeitreise

 

Nora Räss, März 2021
 

Vom traditionellen Geschlechtergraben in den 1970er…

Die Schweiz 1971: Wohnzimmer der Familie Weber. Aus dem Radio schallt Black Night von Deep Purple. Im Kleiderschrank wie auch auf den Vorhängen und Tapeten dominieren wilde Muster und die Farben Senfgelb, Braun, Rostrot und Orange. Die FussgängerInnen auf der Strasse vor dem Fenster kombinieren Cord-Schlaghosen mit enganliegenden Rollkragenpullovern oder Clogs mit Schluppenblusen. Die ganz Mutigen wagen sich an die neu erfundenen Hotpants. Aus der Küche dringen Kochgeräusche: Mutter Ursula ist dabei, das Mittagessen für ihre beiden Kinder, Sohn Andreas (8-jährig) und Tochter Marion (6-jährig), zuzubereiten. Ursula ist Hausfrau, wie viele ihrer Geschlechtsgenossinnen auch. Im Jahr 1970 weisen sich noch rund 75 % der verheirateten Frauen mit Kindern als nicht erwerbstätige Hausfrauen aus (Bundesamt für Statistik BFS 2005: 16). Generell bestand der Arbeitsmarkt aus gut einem Drittel Frauen und knapp zwei Drittel Männer (Bundesamt für Statistik BFS 2005: 14). Mittlerweile wurden Deep Purple abgelöst von den Nachrichten. Da Ursula aber soeben den Mixer angeworfen hat, schnappt sie nur Bruchstücke der 12:00-Uhr-Nachrichten auf: Frauenstimmrecht eingeführt…eidgenössische Ebene…7. Februar dieses Jahres…nächster Abstimmungstermin. Ihre Gedanken wandern zu ihren neu gewonnenen politischen Rechten. Ursula ist durchaus politisch interessiert und sie plant auch, ihr Stimm- und Wahlrecht bei der nächsten eidgenössischen Abstimmung zu nutzen. Im politischen Spektrum ordnet sie sich mitte-rechts ein und bewegt sich so im Durchschnitt der Schweizerinnen in den 1970er Jahren. Auch die Schweizer ordnen sich im Schnitt rechts der Mitte ein, jedoch etwas linker als die Schweizerinnen. Bei den Wahlen im Herbst wird Ursula wohl die FDP oder die CVP wählen. Ganz im Gegensatz zu ihrem Mann Hans, der seine Stimme seit jeher der SP gibt. Auch hier repräsentieren die beiden ganz die Durchschnittsschweizerin bzw. den Durchschnittsschweizer: So wird die SP 1971 überdurchschnittlich oft von Männern gewählt, die FDP und die CVP hingegen erhalten ihre Stimmen etwa zu gleichen Teilen von Männern und Frauen (Internetseite Nr. 1).

Dieser Unterschied in der politischen Ausrichtung von Ursula und Hans wird als «traditioneller Geschlechtergraben» bezeichnet (im Original: traditional gender gap) und findet sich in den 1970er Jahren in verschiedenen Ländern Europas und in den USA (Shorrocks 2018: 136). So herrschte in der Nachkriegszeit in den Politikwissenschaften die gängige Überzeugung, dass Frauen in westlichen Demokratien rechter seien als Männer und der «weibliche Konservatismus» war ein bekanntes Phänomen (Inglehart und Norris 2000: 441).
 

…zum modernen Geschlechtergraben in den 2000er 

Zeitsprung. Die Schweiz 2001: Küche von Marion Weber. Auf der Kommode stapeln sich die CD’s: Eminem, No Angels, Outkast, Nelly Furtado… Auf dem Tisch liegt Marions Handy, ein Nokia 3310. Aus dem Wohnzimmer tönt der Fernseher: … Hol dir diesen Klingelton im Jamba Sparabo! Sende Frosch4… Marion ist Single und wohnt allein in dieser Zweizimmerwohnung, wie viele ihrer Altersgenossinnen und -genossen auch: So ist der Anteil der Familienhaushalte seit den 1970er Jahren stark rückläufig. Dies, weil neuere Formen des Zusammenlebens zunehmen, junge Menschen nicht direkt nach dem Auszug von den Eltern mit dem Partner oder der Partnerin zusammenziehen und die Anzahl Paare ohne Kinder steigt (Bundesamt für Statistik 2009: 4). Aus der Tasche neben dem Tisch lugen die Deutschprüfungen ihrer Klasse – Marion ist Sekundarschullehrerin. Die Zusammensetzung des Arbeitsmarkts hat sich seit den 1970er Jahren drastisch verändert. Er besteht zum Anfang des neuen Jahrtausends zu 43.7 % aus Frauen und 56.3 % aus Männern. Noch bemerkenswerter ist der Rücklauf des Hausfrauendaseins: Gaben im Jahr 1970 noch 75 % an, nicht erwerbstätige Hausfrauen zu sein, so waren es im Jahr 2000 nur noch 32 % (Bundesamt für Statistik 2005: 14;16). Neben der Eingangstür liegen die aktuellen Abstimmungsunterlagen, ausgefüllt und bereit für den Versand. Wie auch ihre Mutter Ursula nimmt Marion ihr Wahl- und Stimmrecht wahr. Sie verortet sich in der Mitte des politischen Spektrums und wählt die CVP, womit sie die Frauen der 2000er ziemlich gut repräsentiert. So wurden die SP und die CVP bei den Wahlen 1999 und 2003 überdurchschnittlich von Frauen gewählt, die SVP hingegen war für die Männer attraktiver (Lutz 2008: 13). Bei der Verortung im politischen Spektrum haben die Schweizerinnen die Schweizer im Verlauf der 1980er Jahre links überholt. Sie verorten sich im Schnitt in der Mitte oder leicht rechts der Mitte, während die Männer durchschnittlich rechts danebenstehen (Internetseite Nr. 1).

Dieses Phänomen wird als moderner Geschlechtergraben (im Original: modern gender gap) bezeichnet (Shorrocks 2018: 136). Studien zeigen, dass sich der traditionelle Geschlechtergraben im Verlaufe der Zeit aufhob («gender dealignment») und sich schliesslich in umgekehrter Form im modernen Geschlechtergraben manifestiert, in welchem Frauen links der Männer stehen (Giger 2009: 475). Genauer gesagt ist es vor allem die nachrückende Generation, die für diese Verschiebung verantwortlich ist. Ein Vergleich europäischer Länder und Kanadas zeigt, dass der traditionelle Geschlechtergraben bei den älteren Altersgruppen entweder bestehen bleibt oder sich lediglich in einen schmalen modernen Geschlechtergraben umwandelt. Bei den jüngeren Altersgruppen hingegen, hier den nach 1955 Geborenen, zeigt sich fast in allen betrachteten Ländern ein moderner Geschlechtergraben (Shorrocks 2018: 153-154).
 

Gründe für den Wandel des Geschlechtergrabens

In der Literatur werden verschiedene Gründe für diese Entwicklung diskutiert. Gründe für den Wandel werden darin gesehen, dass die Teilnahme der Frauen am Arbeitsmarkt zugenommen hat, dass ihr Bildungsniveau angestiegen ist und dass sich die familiären Strukturen modernisiert haben (siehe beispielsweise Manza und Brooks 1998: 1243, Inglehart und Norris 2000: 446, Giger 2009: 480, Shorrocks 2018: 140, Feddersen und Lloren 2016: 122). Es wird angenommen, dass arbeitstätige Frauen eher linke Parteien unterstützen, da sie – öfter als Männer – in schlechter bezahlten, unsichereren Branchen arbeiten, weniger Führungspositionen besetzen und in der Arbeitswelt im Vergleich zu den Hausfrauen häufiger Geschlechterungleichheiten erleben. Hinzu kommt, dass arbeitende Frauen nebenbei nach wie vor mehr unentgeltliche Care-Arbeit verrichten als die arbeitenden Männer – eine Ungleichheit, die durch Sozialleistungen wie die Bereitstellung von Betreuungsleistungen für Kinder oder alte Menschen abgeschwächt wird. Weiter wird argumentiert, dass die Frauen durch die Beteiligung am Arbeitsmarkt eher zur Hinterfragung traditioneller Geschlechterrollen und zur Befürwortung feministischer Ziele neigen. All diese Argumente lassen vermuten, dass Frauen soziale Anliegen und Politiken zur Umverteilung sowie auch linke Parteien eher unterstützen. Ein weiterer Grund wird in der fortschreitenden Säkularisierung gesehen. Religiosität hängt in der Regel positiv mit konservativen Werten und einer rechten Politik zusammen. Entsprechend wurde als einer der Gründe für den traditionellen Geschlechtergraben die stärkere Religiosität der Frauen im Vergleich zu den Männern angesehen. Es ist zu beobachten, dass die Religiosität vor allem bei den jüngeren Altersgruppen abnimmt, was gemäss Studien auch zu einem Rückgang der konservativen Werte bei den jüngeren Frauen führt (Shorrocks 2018: 160).
 

Auswirkungen des Geschlechtergrabens

Was bedeuten diese Unterschiede in der Gesinnung für die Wahlen und Abstimmungen in der Schweiz? Die Swiss Election Study von 2019 zeigt mit einem Rückblick auf alle Wahlen seit 1995, dass die SVP bei den Männern stets ein deutlich besseres Resultat erzielte als bei den Frauen. Die SP hingegen wurde seit 1995 überdurchschnittlich von den Frauen gewählt und auch der WählerInnenanteil der Grünen liegt bei den Frauen seit 2011 vier bis fünf Prozentpunkte über dem demjenigen der Männer. Bei der FDP und der CVP sind lediglich kleine Geschlechterunterschiede auszumachen. So war der WählerInnenanteil der FDP unter den Männern stets grösser als unter den Frauen, bei der CVP hingegen war es genau umgekehrt (Tresch, Lauener, Berhard, Lutz und Scarperrotta 2020: 16). Betrachtet man die Abstimmungen der letzten 30 Jahre, so lässt sich feststellen, dass sich die unterschiedliche Positionierung der Schweizerinnen und Schweizer nur in wenigen Fällen auch in unterschiedlichen Entscheiden an der Urne niederschlugen. Bei 278 untersuchten Abstimmungen seit 1990 bestanden nur bei zehn Vorlagen unterschiedliche Mehrheiten zwischen Männern und Frauen. In den allermeisten Fällen sind sich also Frauen und Männer an der Urne einig, trotzdem haben Frauen in gewissen Bereichen andere politische Präferenzen als Männer (Jans 2020: 168). So sind die Umwelt, das Gesundheitswesen und die soziale Fürsorge für Frauen wichtigere Themen, während sie der Nuklearenergie oder dem Militär skeptischer gegenüberstehen (Funk und Gathmann 2015: 163).
 

Geschlecht und politische Ausrichtung in der Gegenwart

Ein letzter Zeitsprung: Die Schweiz 2021. Laura Weber, 22-jährig, sitzt in ihrem Zimmer in der Wohnung ihrer Eltern Andreas und Katrin vor dem Laptop. Auf dem Pult steht ein Familienfoto, das sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester, ihren Grosseltern Ursula und Hans und ihrer Tante Marion zeigt. Es ist der 14. April, 12:10 Uhr, gleich geht der Stream des Politlunches des Dachverbands Schweizer Jugendparlamente los. Laura studiert Medien und Kommunikation und stuft sich selbst als relativ politikinteressiert ein: Sie interessiert sich vor allem für die weltweite sowie die nationale Politik, kommunale oder kantonale Themen packen sie weniger – typisch für ihre Generation (gfs.bern 2019: 10). Im heutigen Politlunch geht es um die politische Ausrichtung von (jungen) Frauen. Denkt Laura an ihr Umfeld, so gaben ihre Freundinnen und Freunde bei den Wahlen 2019 alle ungefähr denselben Parteien ihre Stimme. Ähnlich sieht es in der Gesamtbevölkerung aus: Die Swiss Election Study zeigt, dass es in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen keine nennenswerten Unterschiede im Wahlverhalten zwischen den Geschlechtern gab (Tresch et al. 2020: 14). Bei der Positionierung auf der Links-Rechts-Achse hingegen gibt es bei der jüngsten Altersgruppe bis 25 Jahren nach wie vor leichte Unterschiede, so zeigen zwei Zusatzauswertungen der Swiss Election Study sowie des easyvote-Politikmonitors, dass sich die jungen Frauen nach wie vor leicht links der jungen Männer einstufen (gfs.bern 2020, Swiss Election Study Selects 2021). Laura ist gespannt auf die Diskussion. Sie fragt sich, ob sich die Geschlechterunterschiede in der Ausrichtung im politischen Alltag, beispielsweise im Bundeshaus, bemerkbar machen, ob sich politische CampaignerInnen solchen Unterschieden bewusst sind und entsprechend ihre Werbung auch auf die verschiedenen Geschlechter anpassen und ob ein allfälliger Gender Gap in der politischen Ausrichtung Konsequenzen für die Schweizer Politik hat.

Das Veranstaltungsbanner verschwindet und macht der Live-Schaltung des Gesprächs Platz, der Stream beginnt. Bist auch du dabei?


Quellen

Bundesamt für Statistik BFS. 2005. Entwicklung der beruflichen Segregation nach Geschlecht und nach Staatsangehörigkeit in der Schweiz, 1970-2000. Neuchâtel: BFS.

Bundesamt für Statistik BFS. 2009. Demografisches Verhalten der Familien in der Schweiz, 1970-2008. Neuchâtel: BFS.

Feddersen, A. & Lloren, A. 2016. Les femmes sont-elles des hommes politiques comme les autres ? In : Lloren, A., Tischler, L., Tavaglione, N. Les étrangers volent-ils notre travail ? (S. 119-130). Genève : Labor et Fides.

Funk, P. & Gathmann, C. 2015. Gender gaps in policy making: evidence from direct democracy in Switzerland. Economic Policy 30(81), 141–181.

gfs.bern. 2019. Problem Alltagsbezug. easyvote-Politikmonitor 2018. Bern: gfs.bern.

gfs.bern. 2020. Klimajugend vs. Sofajugend. Jugendliche finden Relevanz und Identifikationsanker in Klimafrage – Auswirkung auf politisches Engagement teilweise sichtbar. easyvote-Politikmonitor 2019. Bern: gfs.bern.

Giger, N. 2009. Towards a modern gender gap in Europe? A comparative analysis of voting behaviour in 12 countries. The Social Science Journal 46, 474-492.

Inglehart, R. und Norris, P. 2000. The Developmental Theory of the Gender Gap: Women’s and Men’s Voting Behavior in Global Perspective. International Political Science Review 21(4), 441-463.

Jans, C. 2020. Wie nehmen Frauen ihr aktives und passives Wahlrecht wahr? In: Rohner, I. & Schäppi, I (Hg.) 50 Jahre Frauenstimmrecht. 25 Frauen über Demokratie, Macht und Gleichberechtigung. (S. 163-172). Zürich: Limmat Verlag.

Lutz, G. 2008. Eidgenössische Wahlen 2007. Wahlteilnahme und Wahlentscheid. Lausanne: Selects – FORS.

Shorrocks, R. 2018. Cohort Change in Political Gender Gaps in Europe and Canada: The Role of Modernization. Politics & Society 46(2), 135-175.

Tresch, A., Lauener, L., Bernhard, L., Lutz, G. & Scaperrotta, L. 2020. Eidgenössische Wahlen 2019. Wahlteilnahme und Wahlentscheid. Lausanne: FORS.

Swiss Election Study Selects. 2021. Cumulative dataset 1971-2019 [Dataset]. Distributed by FORS, Lausanne. Verfügbar unter www.selects.ch, https://doi.org/10.23662/FORS-DS-495-3.

 

Internetquellen

Website von DeFacto. Wählen Frauen anders als Männer? https://www.defacto.expert/2021/02/08/waehlen-frauen-anders-als-maenner/ (zuletzt besucht am 10.02.2021).