Partizipieren Frauen politisch anders als Männer?

 

Politik ist viel mehr als wählen und abstimmen. Auch die Teilnahme an einer Demonstration oder das Kommentieren eines Onlineartikels können Formen von politischer Partizipation sein. Bei diesen vielfältigen Mitbestimmungsmöglichkeiten haben jedoch nicht alle Menschen einen gleichermassen einfachen Zugang. Unter 18-Jährigen oder Menschen ohne Schweizer Pass ist es zum Beispiel nicht möglich, sich an Wahlen und Abstimmungen zu beteiligen. Und auch Frauen dürfen auf nationaler Ebene erst seit 50 Jahren offiziell mitbestimmen. Wie hat sich das Partizipationsverhalten von Frauen in dieser Zeit entwickelt? Wie oft machen sie heute an der Urne von ihrem Stimm- und Wahlrecht Gebrauch? Und wie viele kandidieren selbst für ein Milizamt? Oder gibt es beliebtere andere Mittel, um sich Gehör zu verschaffen?

 

Simon Eggimann, Januar 2021

Dieser Blogbeitrag befasst sich mit genau solchen Fragen. Und er versucht herauszufinden, ob es Unterschiede in der politischen Partizipation zwischen den Geschlechtern gibt. Es gilt vorneweg zu nehmen, dass sich eine genaue Unterteilung in verschiedene trennscharfe Partizipationstypen schwierig gestaltet, denn die meisten Menschen sind in unterschiedlichen Formen politisch aktiv. Deshalb werden im Folgenden einzelne Partizipationsmöglichkeiten hervorgehoben und detaillierter bezüglich ihres Gleichgewichtes zwischen den Geschlechtern unter die Lupe genommen. Lässt sich am Ende sogar etwas darüber aussagen, welches Geschlecht von der Vielzahl an Optionen grösseren Gebrauch macht?
 

Hand hoch oder Unterschrift drauf

Eine in der Schweiz häufig verbreitete und traditionsreiche Art der politischen Teilhabe sind Wahlen und Abstimmungen. Der easyvote-Politikmonitor, der jährlich Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 15 bis 25 Jahren befragt, zeigt auch in der letzten Ausgabe auf, dass Abstimmen zu den beliebtesten politischen Aktivitäten gehört (easyvote, 2020). Aber stimmt das für Frauen und Männer gleichermassen?

Gemäss der Selects Nachwahlbefragung von 2019 beteiligten sich über alle Altersgruppen gesehen mehr Männer als Frauen an den letzten nationalen Wahlen. Die schweizweite Wahlbeteiligung der Männer betrug 49 %, respektive 41 % bei den Frauen. Die Studie zeigt aber auch, dass sich die Wahlbeteiligung bis ins Alter von 34 Jahren nicht oder kaum nach Geschlecht unterschied, jedoch nur bei ungefähr 33 % lag (Tresch et al., 2020, S.6). Pascal Sciarini und Nenad Stojanovic von der Universität Genf haben zudem festgestellt, dass (zumindest in den Kantonen Genf, Neuenburg, Tessin und der Stadt St. Gallen – den einzigen Orten, wo Alter und Geschlecht offiziell erhoben werden) die jungen Frauen seit 2011 sogar etwas häufiger abstimmten und wählten als junge Männer und dass sich dieser Trend über die letzten Jahre verstärkt hat (NZZ, 2020).

Ebenfalls eine stark institutionalisierte Form von politischer Partizipation sind Initiativen, Referenden und Petitionen. Spannend wäre zu wissen, welches Geschlecht häufiger ein Anliegen mittels seiner Unterschrift unterstützt. Die Datenlage ist jedoch sehr dünn. Zumindest Anhaltspunkte für unter 25-jährige liefert der easyvote-Politikmonitor 2019. Während sich bei den jungen Frauen 57 % bestimmt oder eher vorstellen können, eine Volksinitiative, ein Referendum oder eine Petition zu unterschrieben, sind es bei den jungen Männern nur 48 % (easyvote, 2020) [1].
 

Gewählt ist…

Neben dem regelmässigen oder gelegentlichen Urnengang besteht auch die Möglichkeit, sich in einem politischen Amt zu engagieren. Sei es in einem Jugendparlament, in einer Jungpartei, einem Gemeinderat oder sogar in der nationalen Politik, das Schweizer Milizsystem bietet unzählige Optionen für ein Ehrenamt. Wie sieht es diesbezüglich mit geschlechterspezifischen Unterschieden aus? Am präsentesten sind hier wohl die Resultate der Nationalratswahlen 2019. Der Frauenanteil im Nationalrat liegt nach einem Anstieg um 10 Prozentpunkte nun bei 42 % und ist damit so hoch wie noch nie. Und auch im Ständerat wurde mit 26.1 % ein neuer Höchststand erreicht (BFS, 2020) [2]. Auf nationaler Ebene gibt es ebenfalls Daten zur Wahlquote der weiblichen Kandidatinnen. Schweizweit und über alle Parteien gesehen, wurden Kandidatinnen überdurchschnittlich gut gewählt. Das heisst, es wurden prozentual etwas mehr Frauen gewählt, als sich (ebenfalls prozentual) zur Wahl gestellt hatten (BFS, 2020). Es dürften sich also noch mehr Frauen zur Wahl stellen und sie hätten statistisch gesehen gute Chancen, gewählt zu werden. Für die Kantone und Gemeinden vermag der Freiwilligen-Monitor Schweiz 2020 weitere Anhaltspunkte zu liefern. Die Studie zeigt auf, dass der Frauenanteil in politischen Parteien bei nur gerade 27 Prozent liegt. Hingegen werden 41 % der politischen oder öffentlichen Ämter von Frauen besetzt (Lamprecht et al., 2020).

Nach dem Blick auf alle Alterskategorien nun zu den jüngeren politisch Engagierten: Weil eine Statistik zu den Mitgliedern der Jungparteien fehlt, bleibt die Möglichkeit, eine Momentaufnahme ihrer obersten Organe mit Fokus auf den Frauenanteil zu machen. Auf der Ebene der nationalen Jungparteien zeigt sich, dass die Männer mit 61 % in der Mehrzahl sind. Hierbei handelt es sich um eine grobe Annäherung, die keine direkten Schlüsse über die Geschlechterverteilung bei allen Mitgliedern der Jungparteien zulässt. Der easyvote-Politikmonitor 2019 zeigt auf, dass sich etwa gleich viele junge Männer und Frauen vorstellen können, sich in einer politischen Partei oder Jungpartei zu engagieren (easyvote, 2020) [3].

Auch bei den Jugendparlamenten existieren keine genauen Zahlen. Bei der nicht repräsentativen Jupa-Umfrage von 2019 waren 51 % der TeilnehmerInnen männlich und 45 % weiblich (4 % andere). Auch die beiden vorherigen Umfragen gingen in eine ähnliche Richtung: Der Frauenanteil lag bei 48 % (2018) respektive 43 % (2016) [4].  Unterstrichen wird dies durch die Erfahrung der DSJ-Mitarbeitenden, die schätzen, dass der Männeranteil ca. 10 Prozentpunkte höher liegen dürfte, als jener der Frauen. Interessanterweise geben aber gemäss easyvote-Politikmonitor 2019 mehr junge Frauen an, sich ein Engagement in einem Jugendparlament vorstellen zu können (easyvote, 2020). Es sind 18 % im Vergleich zu 13 % bei den jungen Männern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Frauen eher seltener in politischen Gremien engagiert sind, als Männer. Obwohl die Tendenz sich auch für die jüngere Generation erahnen lässt, dürfte der Unterschied weniger ausgeprägt sein als in der Gesamtbevölkerung. Und gleich zweimal legen die Daten des easyvote-Politikmonitors die Vermutung nahe, dass noch mehr junge Frauen für ein Engagement in einem Jugendparlament oder in einer Jungpartei gewonnen werden könnten.
 

Ein Flair für die Strasse

Die politische Meinung kann auch auf der Strasse zum Ausdruck gebracht werden. Während es für die Demonstrationsfreudigkeit über alle Altersgruppen gesehen wenig Daten gibt, lässt sich aus dem easyvote-Politikmonitor 2019 einiges herauslesen. So interessieren sich junge Frauen nicht nur mehr für das momentan auf der Strasse sehr präsente Klimathema, sie gehen auch eher auf die Strasse dafür als junge Männer (11 % vs. 8 %). Etwas allgemeiner betrachtet lässt sich feststellen, dass von den jungen Männern 34.5 % angaben, sich bestimmt oder eher an einer Demonstration zu einem wichtigen Thema beteiligen zu wollen. Bei den Frauen lag dieser Anteil mit 47.5 % deutlich höher. Allgemein lässt sich beobachten, dass die grossen Demonstrationen der letzten Jahre in der Schweiz, wie zum Beispiel der Frauenstreik oder die Klimaproteste, von einem hohen Frauenanteil geprägt waren. Rund um diese Bewegungen sind auch alternative Formen von Partizipationsprozessen entstanden. So wurden beispielsweise Workshops, Stadtführungen oder Aktionstrainings angeboten. Es dürfte in diesem Umfeld auch weiterhin Neues entstehen.
 

Politik auf dem Bildschirm

Wer eine weitere Alternative sucht, hat die Möglichkeit, sich digital zu beteiligen. Auch hier ist die Vielfalt beinahe unendlich. Eine Variante sind Plattformen zur Ideengenerierung wie beispielsweise engage.ch. Bei der letzten Ausgabe ihrer nationalen Kampagne «Verändere die Schweiz» gaben gemäss interner Auswertung 57 % der Teilnehmenden ihr Geschlecht mit männlich und 41 % mit weiblich an [5]. Auch bei engage-Prozessen auf Gemeindeebene wurde nur knapp die Hälfte der Anliegen von jungen Frauen eingereicht, obwohl die direkt kontaktierten Personen etwas häufiger weiblich waren [6].

Ebenfalls sehr oft politisch fallen Online-Debatten aus. Häufig dominieren Männer die Kommentarspalten auf Social Media. Der NDR hat Ende 2017 mehr als 700'000 Facebook-Kommentare unter Beiträgen von grossen Medienhäusern ausgewertet und kam zum Ergebnis, dass 53 % der Kommentare von Männern und nur 36 % von Frauen stammten. Die restlichen waren basierend auf dem Usernamen nicht zuzuordnen (NDR, 2017). Obwohl es für die Schweiz keine entsprechende, gross angelegte Studie gibt, zeigen uns doch grosse Medienhäuser wie die NZZ exemplarisch auf, dass sie eine ähnliche Tendenz feststellen (NZZ, 2018). Auch der easyvote-Politikmonitor 2019 bestätigt diese Erkenntnis: Mit 24.5 % im Vergleich zu 22 % können sich etwas mehr junge Männer bestimmt oder eher vorstellen, sich an Diskussionen via Social Media über politische Themen zu beteiligen. Sobald es aber nur noch darum geht, politische Inhalte auf Social Media zu liken und zu teilen oder Gruppen und Personen zu folgen, können sich Frauen häufiger vorstellen, sich zu beteiligen (easyote, 2020).
 

Fazit

Dieser Blogbeitrag hat eine Auswahl von politischen Partizipationsmöglichkeiten auf ihre geschlechterspezifischen Merkmale hin untersucht. Die Vielzahl an Optionen, sich politisch zu engagieren, bewirkt, dass es sich dabei einzig um eine statistische Annäherung handelt. Eine vertiefte Analyse im Rahmen einer grossen Studie wäre sehr begrüssenswert.

Trotzdem lassen sich einige Schlussfolgerungen festhalten. Die Haupterkenntnis ist, dass die verschiedenen Möglichkeiten, sich politisch zu engagieren, von (jungen) Frauen unterschiedlich häufig genutzt werden und dass die Nutzung auch stark vom Alter abhängt. Dies wirft die Frage auf, ob bei jeder Form von politischer Partizipation eine Gleichstellung angestrebt werden sollte. Oder ist es eben gerade wertvoll, diese zahlreichen Optionen zu haben, die jeweils nicht von beiden Geschlechtern gleich häufig genutzt werden? Eine solche Heterogenität wäre jedoch wiederum nur sinnvoll, wenn die Einflussmöglichkeiten je nach Partizipationsform nicht allzu unterschiedlich sind. Und bräuchte es noch mehr frische Möglichkeiten, um sich politisch einbringen zu können? Könnten damit allenfalls sogar mehr Menschen zur Partizipation motiviert werden? Die offenen Fragen zeigen, dass noch viel Gesprächsstoff in Bezug auf die (geschlechterspezifische) politische Partizipation besteht.

 

[1] Wichtig ist zu bedenken, dass auch Jugendliche und junge Erwachsene auf diese Frage antworten konnten, die nicht stimmberechtigt sind.

[2] In den kantonalen Regierungen lag der Frauenanteil Ende 2020 bei 24.7 % und in den Parlamenten bei 30 %. Auf Gemeindeebene sind nur Zahlen für die Städte verfügbar. Diese bewegen sich in einem ähnlichen Rahmen (jeweils ca. 2 Prozentpunkte höher).

[3] Allerdings machten bei dieser Frage mehr Männer die Angabe, sie würden die Aktivität nicht kennen. Dies trifft auch bei den meisten anderen Resultaten von Fragen zum Partizipationsverhalten zu. Im Vordergrund steht die Vermutung, dass die jungen Männer häufiger keine Lust hatten, die Fragen seriös zu beantworten. Es ist deshalb eher unrealistisch, dass sich Umfrageteilnehmer an den befragten Aktivitäten beteiligen würden.

[4] In diesen Jahren gab es jeweils nur zwei mögliche Kategorien.

[5] Diese Zahlen sind nicht unbedingt repräsentativ, da die Angabe des Geschlechts freiwillig war.

[6] Auch hier handelt es sich nicht um eine repräsentative Stichprobe.


Quellen

Bundesamt für Statistik BFS. Herbst 2020. Frauen und Wahlen

Bundesamt für Statistik BFS. März 2020. Politik: Panorama.

Bundesamt für Statistik BFS. 21.02.2020. Wahlquote nach Parteien, Geschlecht und Kantonen

easyvote, gfs.bern. 11.04.2020. easyvote-Politikmonitor 2019

Lamprecht, Markus, Fischer, Adrian, Stamm, Hanspeter. 2020. Freiwilligen-Monitor Schweiz 2020. Seismo Verlag Zürich.

Neue Zürcher Zeitung. 15.11.2019. Junge Frauen auf dem Vormarsch.

Neue Zürcher Zeitung. 27.02.2018. Warum sich Frauen online viel seltener in Debatten einmischen als Männer.

Norddeutscher Rundfunk. 05.12.2017Warum Frauen auf Facebook verstummen.

Tresch, Anke, Lauener, Lukas, Bernhard, Laurent, Lutz, Georg, Scaperrotta, Laura. 2020. Eidgenössische Wahlen 2019. Wahlteilnahme und WahlentscheidFORS-Lausanne.