Stimme ich ab, stimme ich nicht ab...

 

Das Wichtigste in Kürze

  • Es sind im Vergleich zu älteren BürgerInnen nicht grundsätzlich weniger junge Erwachsene, die abstimmen gehen. Jüngere BürgerInnen stimmen aber seltener ab. Sie nehmen hauptsächlich selektiv an Wahlen und Abstimmungen teil.

  • Es ist zwischen der gängigen Messung der Stimmbeteiligung mithilfe von Durchschnittswerten und der kumulativen, über einen langen Zeitraum hinweg gemessenen Stimmbeteiligung zu unterscheiden. Letztere bestätigt: Fast 80% der jungen Erwachsenen sind sich ihrer politischen Rechte bewusst und stimmen innerhalb von vier Jahren mindestens einmal ab.

  • Die jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren stimmen am selektivsten ab. Sie gehen abstimmen, wenn es sich um Vorlagen handelt, die sie direkt betreffen, die für sie eine Bedeutung haben und in den Medien stark präsent sind oder die schlicht weniger komplex sind.

  • Bei jungen Erwachsenen besteht ein stärkeres Mobilisierungspotential, als bei anderen Altersgruppen. Weniger komplexe Vorlagen mobilisieren junge Erwachsene dabei verhältnismässig stärker.

 

Es ist der Abend des Abstimmungssonntags vom 23. September 2018. Nur rund 37% Prozent der Schweizer Bürgerinnen und Bürger haben das Abstimmungscouvert in ihrer Gemeinde eingereicht; ein unterdurchschnittlicher Wert. Vor allem jungen Erwachsenen wird dabei oft vorgeworfen, dass sie ihre politischen Rechte nicht wahrnehmen und nicht abstimmen gehen. Verlässliche Zahlen zum Stimm- und Wahlverhalten von jungen Erwachsenen sind schwierig zu finden. Bei den meisten Studien wird die Stimmbeteiligung anhand einer Befragung erhoben und nicht die Stimmbeteiligung in der Realität gemessen. Die Stadt St. Gallen verfügt schon seit längerem über Daten aus dem Stimmregister, welche nach Jahrgang abgestuft sind. Diese Zahlen zeigen, dass sich 78.86% der jungen Erwachsenen in der Stadt St. Gallen zwischen 2010 und 2014 mindestens einmal an Wahlen oder Abstimmungen auf nationaler oder kantonaler Ebene beteiligt haben. Der vorliegende Blogbeitrag klärt auf: Wie stimmen junge Erwachsene wirklich ab?

Schlechte Datenlage zur Stimmbeteiligung von jungen Erwachsenen

Die Wahlbeteiligung der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren lag gemäss den Nachabstimmungsbefragungen Voto der letzten beiden Jahre bei 27% bis 35% (statistische Fehlerquote = 7%). Bei den letzten nationalen Wahlen lag die Wahlbeteiligung gemäss der Nachwahlbefragung Selects bei den 18-24-Jährigen bei 30%. Je nach Abstimmungsvorlage lässt sich beobachten, dass sich die Gruppe der 30-39-Jährigen teilweise noch weniger beteiligt als die jüngeren. Diese Erhebungsmethoden werden aber aufgrund von Faktoren wie der Erhebungsart oder das dadurch einhergehende Problem der sozialen Erwünschtheit aus methodischer Sicht immer wieder bemängelt. Neben den Nachwahl- und Nachabstimmungsbefragungen erfassen diverse Gemeinden und Kantone die reale Stimmbeteiligung, teilweise sogar pro Jahrgang. Darunter fallen beispielsweise der Kanton Neuenburg sowie Städte wie Luzern und St. Gallen.

Diese Erhebungen zeigen: Das Bild der politikverdrossenen Jugendlichen stimmt so nicht ganz. Junge Erwachsene legen ein anderes Abstimmungsverhalten an den Tag als ältere Personen. Die Zahlen deuten darauf hin, dass junge Erwachsene noch selektiver an Abstimmungen teilnehmen, als dies andere Altersgruppen tun. Dies bestätigen Clau Dermont und Isabelle Stadelmann-Steffen in einem Bericht der Universität Bern, welcher auf Grundlage der Stimmregisterdaten der Stadt St. Gallen verfasst wurde*. Das Thema der selektiven und kumulativen Stimmbeteiligung wurde in den letzten Jahren in verschiedenen Publikationen** thematisiert. Spezifische Auswertungen zu jungen Erwachsenen wurden aber bisher noch nicht gemacht.

Durchschnittliche Stimmbeteiligung nimmt mit dem Alter markant zu

Dass junge Erwachsene konsequent weniger politisch partizipieren als ältere, ist bestätigt. Die durchschnittliche Stimmbeteiligung nimmt mit dem Alter allgemein zu. Dies zeigen auch die Auswertungen aus der Stadt St. Gallen. Dabei ist insbesondere der Unterschied in der Stimmbeteiligung zu den 66- bis 75-Jährigen hervorzuheben. Von diesen beteiligen sich meist doppelt so viele politisch an einer Wahl oder Abstimmung als bei den jungen Erwachsenen. Die Stimmbeteiligung steigt auch bei den übrigen Altersgruppen jeweils im Vergleich zu der nächstjüngeren. Die zu den jungen Erwachsenen nächsthöher gelegene Alterskategorie der 26- bis 35-Jährigen partizipiert allerdings nur um wenige Prozentpunkte mehr.

Nur 20% der jungen Erwachsenen haben noch nie abgestimmt oder gewählt

Über die gesamte Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen hinweg gesehen, nahmen knapp über 20 Prozent während des Untersuchungszeitraums von 2010 bis 2014 nie an einer Abstimmung oder Wahl teil. Der erste Tiefpunkt an kumulativer Stimmbeteiligung ist bei den 25-Jährigen zu beobachten. Das heisst, die 25-Jährigen haben, mit Ausnahme der Stimmberechtigten ab 85 Jahren und älter, den höchsten Anteil an nie teilnehmenden Stimmberechtigten. Vor und nach 25 Jahren ist dieser Anteil jeweils höher. Wie eingangs erwähnt, beteiligen sich gemäss den Zahlen aus St. Gallen nämlich 78.86% mindestens einmal an Wahlen oder Abstimmungen auf nationaler oder kantonaler Ebene.

Im Vergleich zur gesamten Stimmbevölkerung (82.7%) liegt der kumulative Wert der jüngsten Altersgruppe also nur rund 4 Prozentpunkte tiefer, was bemerkenswert ist, wenn man die jeweilige Stimmbeteiligung dieser Altersgruppe anschaut. Kurz, rund vier Fünftel der jüngsten Stimmberechtigten waren sich ihrer politischen Rechte bewusst und machten von diesen auch mindestens einmal im Verlauf von vier Jahren, also innerhalb einer Legislaturzeit, Gebrauch. Die jüngste Altersklasse der Stimmberechtigten ist folglich nicht allgemein weniger, sondern weniger häufig aktiv bei Wahlen und Abstimmungen als die älteren Altersklassen. Dies ist ein wichtiger Unterschied zur immer wieder postulierten Aussage, dass junge Erwachsene politikverdrossen seien.

Selektives Abstimmungsverhalten

Wo sich ein generationenübergreifender Unterschied herauskristallisiert, ist bei den stets Partizipierenden. Nur knapp über drei Prozent der jungen Erwachsenen haben an jeder Abstimmung teilgenommen. Über die gesamte Stimmbevölkerung hinweg gesehen, haben rund 15 Prozent immer partizipiert. Zu betonen ist hier die Negativ-Tendenz, also dass die Beteiligungsrate mit den jüngeren Altersgruppen kontinuierlich abnimmt. Über die gesamte Stimmbevölkerung gesehen, ist das Verhalten anders. An den Polen (häufig partizipierend und selten partizipierend) nehmen die Prozentzahlen jeweils zu.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die durchschnittliche Stimmbeteiligung von 18- bis 25-Jährigen (im untersuchten Zeitraum bei 33.45%) von der kumulativen Stimmbeteiligung (im untersuchten Zeitraum bei 78.86 Prozent) deutlich übertroffen wird. Wie bereits andere Autoren darauf hingewiesen haben (Serdült, 2013), ist die durchschnittliche Stimmbeteiligung nicht die einzige Referenz für die tatsächliche Wahrnehmung der politischen Rechte im zeitlichen Vergleich. Viel eher muss die Stimmbeteiligung jeder einzelnen Person im zeitlichen Vergleich betrachtet werden. Dies zeigt sich auch bei den jungen Erwachsenen. Die selektive Teilnahme ist bei dieser Altersgruppe im Vergleich zur durchschnittlichen sogar noch grösser als bei der gesamten Stimmbevölkerung, wo die durchschnittliche Stimmbeteiligung bei knapp über 30% und die kumulative bei 82.7% liegt.

Mobilisierungsfaktoren sind Betroffenheit, Bedeutung und geringe Komplexität

Anders sieht es bei der Mobilisierung der Altersgruppen bei unterschiedlichen Abstimmungen aus. Hier sind gemäss der Auswertung der Universität Bern pro Altersgruppe jeweils ähnliche Effekte zu beobachten. Bei einer durchschnittlich höheren Stimmbeteiligung an einer Abstimmung haben sich folglich alle Altersgruppen mehr beteiligt. Dennoch: Teilweise lässt sich eine spezifische Mobilisierung der jungen Erwachsenen beobachten. So zum Beispiel bei der Abstimmung zur Wehrpflichtinitiative vom 22. September 2013, an der sich verhältnismässig mehr junge Erwachsene beteiligt haben.

Wie alle BürgerInnen entscheiden auch die jungen Erwachsenen je nach Interesse, Zeit, Betroffenheit, Komplexität sowie Wichtigkeit und Bedeutung der Themen, ob sie an einer Abstimmung teilnehmen möchten. Insbesondere Vorlagen, welche sowohl bei den Stimmberechtigten bekannt sind, als auch als bedeutend für die Schweiz eingeschätzt werden, können im Allgemeinen eine höhere Stimmbeteiligung aufweisen. So hat es letztmals die Durchsetzungsinitiative von Februar 2016 gezeigt. Bei jungen Erwachsenen ist der Einfluss der genannten Faktoren aber um einiges grösser, wie die Auswertung der Stimmregisterdaten aus der Stadt St. Gallen zeigt. Junge Erwachsene gehen abstimmen, wenn es sich um Vorlagen handelt, die sie direkt betreffen, bedeutender, vielfach auch medial eine grössere Präsenz haben oder schlicht weniger komplex sind. Von den vier Abstimmungsterminen in der Stadt St. Gallen, bei denen die jüngeren Stimmberechtigten überdurchschnittlich mobilisiert wurden, werden drei Vorlagen als vergleichsweise einfach eingestuft. Im Vergleich zu den jüngeren machen ältere Menschen die Stimmbeteiligung zusätzlich von anderen Faktoren abhängig. Dazu zählen die Ansicht der Beteiligung als Bürgerpflicht oder auch pure Gewohnheit. Weiter können sie auf einen grösseren Erfahrungsschatz bauen, was allenfalls die Entscheidungsfähigkeit und dadurch die Teilnahmebereitschaft erhöht.

Mobilisierungspotenzial ist vorhanden

Bei jungen Erwachsenen besteht also auch ein grosses Potential für eine stärkere Mobilisierung. Personen, die bereits einmal abgestimmt haben, sind eher dazu bereit, dies wieder zu tun. Kurz, es ist einfacher, Personen für eine Abstimmung zu mobilisieren, wenn sie bereits eine schwache Gewohnheit dazu haben. Die 20% der jungen Erwachsenen, die bis zum 25. Lebensjahr noch nie abgestimmt haben, werden mit grösster Wahrscheinlichkeit auch später nie abstimmen. Diese sogenannte Gruppe der Apolitischen zur politischen Mitwirkung zu mobilisieren, ist mit einem grossen Aufwand verbunden. Junge Erwachsene, die bereits einmal abgestimmt haben, zu mobilisieren, kann durch einfache Veranschaulichungen gefördert werden. Zum einen, indem ihnen aufgezeigt wird, wie die Abstimmungsvorlage sie direkt betrifft. Zum anderen, indem die Medien attraktiv über das Thema berichten und die Komplexität der Vorlage kommunikativ reduziert wird.*** Der DSJ hat mit seinen easyvote-Angeboten genau dieses Ziel vor Augen.

 

Text von Jasmin Odermatt, 22.10.2018


*Der Bericht basiert auf den Stimmregisterauszügen zur Abstimmungsteilnahme von jungen Erwachsenen in der Stadt St. Gallen. Es wurde also nur eine städtische Region in der Auswertung berücksichtigt, weshalb die Ergebnisse nicht repräsentativ für die gesamte Schweiz sind. Die Auswertung wurde im Auftrag des DSJ von der Universität Bern durchgeführt.  Quelle: Dermont, Clau & Stadelmann-Steffen, Isabelle (2014): Die politische Partizipation der jungen Erwachsenen, Universität Bern.

**Serdült, Uwe (2013). »Partizipation als Norm und Artefakt in der schweizerischen Abstimmungsdemokratie – Entmystifizierung der durchschnittlichen Stimmbeteiligung anhand von Stimmregisterdaten aus der Stadt St. Gallen«. In: Direkte Demokratie: Herausforderungen zwischen Recht und Politik, Festschrift für Andreas Auer zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Andrea Good und Bettina Platipodis. Bern: Stämpfli, S. 41–50.

***FORS (2012) ch@youpart, 2012

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