Was möchten SchülerInnen bei der politischen Bildung?

Welchen Stellenwert hat die politische Bildung für die Jugendlichen selbst und wie bewerten sie den Ertrag des politischen Unterrichts in der Schweiz? In diesem Blogbeitrag widmen wir uns diesen  Fragen sowie den Bedürfnissen der Jugendlichen im Hinblick auf den Inhalt der politischen Bildung. Dabei stützt sich die Analyse auf den Daten des easyvote-Politikmonitors von 2017*. Die Ergebnisse zeigen, dass es teilweise grosse Abweichungen zwischen den drei Sprachregionen und zwischen BerufsschülerInnen und GymnasiastInnen gibt, während jedoch der Unterschied zwischen Männern und Frauen nur gering zu erkennen ist.

In einer Demokratie zielt die politische Bildung darauf ab, systematische Kenntnisse über das politische System zu vermitteln und Kompetenzen für das politische Handeln zu stärken. Dadurch sollen BürgerInnen zu mündigen StaatsbürgerInnen ausgebildet werden. Die politische Bildung ist daher ein wichtiger Bestandteil für die Förderung der politischen Partizipation. Eine umfassende politische Bildung, welche schon im frühen Alter ansetzt, ist daher von grosser Bedeutung in einem politischen System, wie dasjenige der Schweiz, in welchem die BürgerInnen durch die direkte Demokratie und das Milizsystem viel Verantwortung übernehmen können.

Die Bildung und somit auch die politische Bildung sind in der Schweiz sehr stark kantonal geprägt. So unterscheiden sich die Lehrpläne und Lehrmittel in der politischen Bildung zu einem grossen Masse von Kanton zu Kanton, auch wenn es Bestrebungen gibt, die Bildung zu vereinheitlichen. Grundsätzlich hat die politische Bildung, was die Verankerung eines entsprechenden Fachs angeht, in der Romandie einen grössereren Stellenwert als in den restlichen Kantonen der Schweiz. Doch es tut sich auch etwas in den anderen Kantonen. So wird der Kanton Tessin im nächsten Schuljahr ein Fach Politik einführen und auch der Kanton Aargau hat kürzlich beschlossen, in der neunten Schulklasse eine Stunde pro Woche der politischen Bildung zu widmen.

Politische Bildung ist wichtig

Ein Grossteil (65%) der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Schweiz sieht die politische Bildung in der Schule als zentral an. Diese Werte sind zwar im Vergleich zum Vorjahr (70%) leicht rückläufig, aber immer noch auf einem hohen Niveau. Diese Tatsache zeigt, dass die politische Bildung in den Augen der 15- bis 25-jährigen weiterhin wichtig zu sein scheint. Ein etwas kleinerer Anteil, aber immer noch mehr als die Hälfte (54%) dieser Altersgruppe findet zudem, durch die politische Bildung in der Schule sehr viel oder eher viel gelernt zu haben. Demgegenüber sagen nur 9% der Befragten, sie hätten gar nichts vom politischen Unterricht mitnehmen können.

Grosse Unterschiede in den drei grossen Sprachregionen

Der Stellenwert und der Nutzen der politischen Bildung variiert offensichtlich nach Sprachregion. In der Deutschschweiz ist der Anteil der Jugendlichen, die angeben, in der Schule viel gelernt zu haben, am höchsten (61%). Demgegenüber liegt dieser Anteil in der Romandie und in der italienischsprachigen Schweiz mit 41% respektive 46% deutlich tiefer. Interessant ist, dass in der Romandie, trotz mehr politischem Bildungsunterricht, der Nutzen gemäss der Einschätzung der SchülerInnen tiefer ist.  Demgegenüber bewerten die Jugendlichen aus allen drei Sprachregionen die Wichtigkeit der politischen Bildung als hoch. Während in der Deutschschweiz und der Romandie die Wichtigkeit mit 63% respektive 64% ungefähr ähnlich wahrgenommen wird, so liegt dieser Anteil im Tessin bei 83% deutlich höher. In der lateinischen Schweiz scheint nach der Einschätzung der SchülerInnen selbst die Lücke zwischen Ertrag und Wichtigkeit der politischen Bildung – und damit möglicherweise auch der Handlungsbedarf – grösser zu sein als in der Deutschschweiz. Dies steht im Gegensatz zu den tatsächlichen Anzahl Schulstunden im Bereich Politik, die in der Romandie höher ausfallen als in den anderen Kantonen. Allerdings bewegt sich in dieser Hinsicht auch ausserhalb der Romandie bereits einiges wie eingangs erwähnt.

Unterschiede zwischen BerufsschülerInnen und Gymnasiasten eher klein

Wie sich gezeigt hat, sind die Diskrepanzen zwischen den Sprachregionen teilweise erheblich. Es gibt jedoch nicht nur regionale Abweichungen im Hinblick auf die Wichtigkeit der politischen Bildung, sondern auch Unterschiede zwischen verschiedenen Ausbildungsrichtungen. Bei den Gymnasiasten und Gymnasiastinnen ist der Anteil der Jugendlichen (73%), die angeben, die politische Bildung sei sehr oder eher wichtig deutlich höher als bei den Berufsschülern und Berufsschülerinnen (64%). Jedoch sind zwischen den beiden Ausbildungszweigen kaum Unterschiede vorhanden, wenn es um den Ertrag des politischen Unterrichts geht. Ähnlich viele GymnasiastInnen (57%) und BerufsschülerInnen (56%) finden, sie hätten dabei viel gelernt. Wenn man zusätzlich noch das Geschlecht anschaut, so zeigt sich, dass zwischen Männern und Frauen kaum Unterschiede vorhanden sind.

Zielt die politische Bildung an den Bedürfnissen der SchülerInnen vorbei?

Wenn man betrachtet, was die konkreten Aktivitäten und Themen im Bereich Politik im Unterricht sind, zeigt sich relativ klar was an den Schulen in der Schweiz zum Thema behandelt wird, unabhängig ob es ein Fach dazu gibt, oder ob das Thema fachübergreifend im Unterricht eingebettet ist. Doch die politischen Themen, welche in der Schule oder der Ausbildung diskutiert werden, stimmen nicht immer mit denjenigen überein, welche für die SchülerInnen den grössten Stellenwert haben. Die grössten absoluten Unterschiede zeigen sich beim Thema der nächsten eidgenössischen Wahlen und Abstimmungen. Während 26% der 15- bis 25-jährigen sagen, sie hätten die nächsten eidgenössischen Wahlen in der Schule behandelt, so gibt mit 64% ein sehr viel grösserer Anteil dieser Altersgruppe an, ihnen sei dieses Thema sehr oder eher wichtig. Zudem sagen nur 38% der SchülerInnen, dass sie die nächsten eidgenössischen Abstimmungen in der Schule angeschaut hätten und 67% geben an, dieses Thema hätte für sie einen sehr oder eher grossen Stellenwert. Aber auch bei dem Besuch im Bundeshaus oder einer anderen poltischen Institution und den Themen Bundesratswahlen, Jugend und Politik sowie Ausländer- und Asylpolitik sind die Differenzen zwischen der tatsächlichen Behandlung und der Wichtigkeit jeweils sehr gross. Bei den anderen befragten politischen Themen gibt es zwar ebenfalls Unterschiede, diese sind jedoch eher klein. Nur beim politischen System der Schweiz / Staatskunde decken sich Realität und Bedarf. Während 74% sagen, sie hätten dieses Thema in der Schule behandelt, so geben 73% an, ihnen sei dieser Themenbereich eher oder sehr wichtig.

In allen Sprachregionen wird mehr Unterricht zu Wahlen und Abstimmungen gefordert

Bei der Ausgestaltung der politischen Bildung sind teilweise grosse Diskrepanzen zwischen Realität und den Bedürfnissen der SchülerInnen zu finden. Es gibt jedoch keine grossen Unterschiede zwischen den drei grossen Sprachregionen wenn man diesen Vergleich macht. In der Deutschschweiz sind die grössten Unterschiede bei den nächsten eidgenössischen Wahlen, dann bei den nächsten eidgenössischen Abstimmungen und als drittes beim Besuch im Bundeshaus oder einer anderen politischen Institution zu finden. Während 25% der SchülerInnen sagt, sie hätten die nächsten eidgenössischen Wahlen in der Schule behandelt, so gibt mit 63% ein sehr viel grösserer Anteil dieser Altersgruppe an, ihnen sei dieses Thema sehr oder eher wichtig. In der Romandie lassen sich die grössten Abweichungen zwischen Realität und Bedarf ebenfalls bei den nächsten eidgenössischen Wahlen finden. Ein Anteil von 29% meint, sie hätten das Thema in der Schule oder Ausbildung behandelt und sogar 67% beurteilen es als eher oder sehr wichtig. An zweiter Stelle im Hinblick auf die Unterschiede zwischen Behandlung und Wichtigkeit eines politischen Themas kommen auch in der französischen Schweiz die nächsten eidgenössischen Abstimmungen und als drittes, anders als in der Deutschschweiz, die Bundesratswahlen. Wie schon in den anderen beiden Sprachregionen ist die grösste Diskrepanz zwischen Bedarf und Realität in der italienischen Schweiz bei den nächsten eidgenössischen Wahlen. Während 23% der SchülerInnen sagt, sie hätten die nächsten eidgenössischen Wahlen in der Schule behandelt, so gibt mit 68% ein sehr viel grösserer Anteil dieser Altersgruppe an, ihnen sei dieses Thema eher oder sehr wichtig. Der zweitgrösste Unterschied ist in Bezug auf einen Besuch im Bundeshaus oder einer anderen politischen Institution zu finden und an dritter Stelle kommen die Bundesratswahlen. Bei genauerer Betrachtung der drei Sprachregionen und den jeweilligen Themen mit den grössten Unterschieden im Hinblick auf Realität und Bedarf so zeigt sich, dass die Abweichungen in der italienischen Schweiz insgesamt am grössten sind. Dies deutet darauf hin, dass  im Kanton Tessin der Handlungsbedarf am grössten ist. Wie am Anfang erwähnt, wird im Kanton Tessin im nächsten Schuljahr ein Schulfach politische Bildung eingeführt.

Keine Unterschiede zwischen Geschlechtern und Ausbildungsrichtungen

Was die Diskrepanzen zwischen Realität und Bedarf bei den beiden untersuchten Ausbildungsrichtungen angeht, so gibt es keine Unterschiede zwischen GymnasiastInnen und BerufsschülerInnen. Die grössten absoluten Abweichungen zeigen sich für beide bei den eidgenössischen Wahlen, danach bei den eidgenössischen Abstimmungen und als drittes beim Besuch im Bundeshaus oder einer anderen politischen Institution. Ebenfalls zeigen sich auch bei dieser Auswertung keine signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern.


* Die Studie wird seit 2014 jährlich von der gfs.bern im Auftrag des DSJ durchgeführt. Die Publikationen des easyvote-Politikmonitors sind hier ersichtich. Dabei wurden Personen (15- bis 25-jährige) aus ganzen Schulklassen der Sek-II-Stufe aller Bildungsrichtungen befragt. Die Schulen wurden gemäss der Einwohnerzahl der Kantone ausgewählt. Danach wurden die befragten  Schulen zufällig pro Kanton gezogen und die Ergebnisse in einem fünfstufigen Verfahren gewichtet. Damit konnte eine hohe Representativität der Ergebnisse gesichert werden.

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