Jung und engagiert in einem Jugendparlament – aber aus welchen Gründen?

Hintergrundwissen zu Jugendparlamenten – Teil 1

In den über 70 Jugendparlamenten und Jugendräten (Jupas) der Schweiz engagieren sich mehr als 2’000 junge Menschen. Jugendparlamente sind Partizipationsstrukturen, in denen sich Jugendliche zwischen ca. 14 und 30 Jahren langfristig für ihre Gemeinde, Region oder ihren Kanton engagieren. Was motiviert diese jungen Leute zu ihrem Engagement?

Alle Jugendparlamente und Jugendräte der Schweiz sowie Liechtensteins bieten Jugendlichen die Möglichkeit, sich langfristig in ihrer Gemeinde, ihrer Region oder ihrem Kanton zu engagieren. Dazu führen sie eigene Projekte durch, bringen Anliegen in den politischen Prozess ein und sind in Jugendfragen Ansprechpartner für Behörden und Politik. In Jugendparlamenten können Jugendliche Verantwortung übernehmen, verschiedene Fähigkeiten des politischen Alltags erwerben und gemeinsam Konkretes bewirken.

Riesiges Potential, wenig Zeit

Der easyvote-Politikmonitor 2016, eine repräsentative Umfrage, die durch das Forschungsinstitut gfs.bern im Auftrag des DSJ durchgeführt wurde, befragte SchülerInnen zum Thema Jugendparlamente. Immerhin 58% der Befragten gaben an, bereits von Jugendparlamenten gehört zu haben. Oft herrscht aber Unklarheit über die Möglichkeiten und Aufgaben dieser Gremien. Auf die Frage, ob sich die Umfrage-Teilnehmenden ein Engagement in einem Jugendparlament vorstellen könnten, antworteten 14% der Teilnehmenden mit Ja. Rechnet man dies auf die ganze Schweiz hoch, ergibt sich ein Potential von 170'000 möglichen Jugendparlamentsmitgliedern und damit noch viel Luft nach oben.

Wieso engagieren sich also nicht bereits heute mehr Jugendliche in Jupas? Auch auf diese Frage liefert der Politikmonitor eine klare Antwort: Zeitmangel. 43% geben an, dass sie neben der Schule zu wenig Zeit für ein Engagement in einem Jupa hätten. 38% geben an, dass sie aufgrund von anderen Hobbies keine Zeit für ein Engagement in einem Jupa finden würden. Gründe wie fehlendes Interesse an Politik, die zu geringe Wirkung von Jugendparlamenten und das nicht vorhandene Interesse an der Projektarbeit folgen erst an dritter bis fünfter Stelle.

Konkrete Projekte und die Frage nach der föderalen Ebene

Oft versuchen Jupas potentielle Mitglieder über konkrete Projekte anzusprechen, welche die Interessen der Jugendlichen tangieren. Die Richtigkeit dieses Vorgehens wird durch den easyvote-Politikmonitor 2016 belegt. 47% der Befragten gaben an, dass ein Engagement in einem Jugendparlament besonders dann attraktiv sei, wenn ein politisches Thema in ihrem persönlichen Interesse liege.

Dabei ist auch bemerkenswert, dass unter den Befragten generell keine Tendenz feststellbar ist, auf welcher föderalen Ebene das Jugendparlament wirken soll. Unterschiede lassen sich diesbezüglich lediglich in Bezug auf das Geschlecht und die Sprachregionen der Befragten feststellen. Während bei Männern eine Präferenz für die Gemeinde- und die Bundesebene erkennbar ist, bekunden Frauen eher Interesse an der kantonalen und der regionalen Politik. Der sprachregionale Vergleich zeigt, dass in der Romandie ein klarer Fokus auf die Gemeindepolitik feststellbar ist. Im Tessin gilt das Interesse hingegen vor allem der kantonalen Ebene. In der Deutschschweiz ist das Interesse an den verschiedenen föderalen Ebenen ausgeglichen.

Wer sind die Jupa-Mitglieder?

Die Mitglieder der Jupas zeichnen sich durch eine grosse Bandbreite aus. So ist die Geschlechterverteilung mit 52% Männern zu 48% Frauen äusserst ausgeglichen. Von den über 70 Jupas befinden sich 29 ausserhalb der Deutschschweiz. Betrachtet man die Altersstruktur an der Jugendparlamentskonferenz, so reicht diese von 14 bis 30 Jahren. Bezüglich Bildung kann festgestellt werden, dass 40% der Jupa-Mitglieder keinen gymnasialen Weg eingeschlagen haben.

Neben soziodemographischen Faktoren lassen sich die Jupa-Mitglieder auch nach Motiven ordnen. Dabei können vier Typen von Jupa-Mitgliedern ausgemacht werden:

  1. Engagierte: Sie möchten etwas bewirken, die Interessen der Jugendlichen vertreten, Projekte realisieren, Sach- statt Parteipolitik betreiben und dabei Spass haben.
  2. Politische: Sie sind ins Jupa gekommen, um Erfahrungen in der Politik zu sammeln, politische Diskussionen zu führen und weil sie sich einen Nutzen für ihre Laufbahn als PolitikerIn erhoffen.
  3. Karriereorientierte: Sie erwünschen sich Anerkennung, Nutzen für ihre berufliche Laufbahn, möchten Verantwortung übernehmen und ihr Netzwerk ausbauen.
  4. Soziale: Ihnen ist vor allem der Spass, das Treffen von Freunden und das Schliessen neuer Bekanntschaften im Rahmen von Jupas wichtig.

Der Wunsch zusammen mit anderen etwas zu bewirken

Was sind die Gründe, die für eine Jupa-Mitgliedschaft sprechen? Auch hier liefert die DSJ-Umfrage Antworten: Das absolute Spitzenargument ist, dass man in einem Jupa zusammen mit anderen etwas bewirken kann. Dieser Aussage stimmen über 90% der aktiven Jupa-Mitglieder zu. Auch die Erfahrung des DSJ zeigt, dass politische Partizipation von Jugendlichen eine Wirkung haben muss. Andernfalls ist das Frustrationspotential gross und die Partizipation wirkt demotivierend. Politische Partizipation darf also keine reine Spielwiese und auch keine Alibiübung sein. Zudem müssen die politischen Inhalte die Jugendlichen betreffen. So möchten beispielsweise zwei Drittel der Befragten in Jupas Projekte für Jugendliche umsetzen.

Das Engagement in einem Jugendparlament motiviert, sich auch später in der Politik einzubringen, auch wenn eine Mehrheit das Jugendparlament nicht als direktes Sprungbrett für eine politische Karriere sieht. So geben 93% der aktiven Jupa-Mitglieder an, sich auch in Zukunft politisch beteiligen zu wollen. Die Gründe für das Engagement in einem Jupa bleiben auch über die Zeit hinweg relativ stabil. Das Erwerben von Kompetenzen und Sammeln von Erfahrungen gewinnt jedoch leicht an Bedeutung bei den aktiven JugendparlamentarierInnen.


Text von Jonas Hirschi und Flavio Eichmann, 18.12.2018