Zwischen Institutionalisierung und Rebellion – Jugendpolitik damals und heute

 

Jugendpolitik ist nicht gleich Jugendpolitik. Schon immer befand sie sich im Wechselspiel von Institutionalisierung und Rebellion. Manchmal stand das eine im Vordergrund, manchmal das andere. Der Applaus und die Zurufe waren mal lauter, mal leiser. Es ist wie bei einem Tanzbattle. Unterschiedliche TänzerInnen sind gekommen und gegangen. Zwischendurch hat sich der Beat verändert. Ab und zu wurden die wildesten Solos hingelegt, dann ging es wieder ruhiger zu und her. Aber nie fehlte komplett die Puste oder die Inspiration. Der Dachverband Schweizer Jugendparlamente DSJ mischt nun bereits seit 25 Jahren als TänzerIn in diesem Battle der Jugendpolitik mit. Höchste Zeit, auf die auffälligsten Tanzschritte zurückzuschauen.

 

Ein erstes Mal zum jugendpolitischen Tanz gebeten wurde in Bern bereits sehr früh, nämlich mit der Entstehung des «Äusseren Stand» im Jahre 1732[1]. Unter diesem Namen versammelten sich bis zu 150 Söhne von Patriziern. Obwohl alle über 18 Jahre alt waren, bildeten sie eine Art institutionalisiertes Jugendparlament. Gleichzeitig trafen sich die weniger aristokratischen Jünglinge regelmässig zum sogenannten Schüsselikrieg. Es handelte sich dabei um ein Scheingefecht, während dem die militärische Verteidigung der Stadt geübt wurde. Einmal im Jahr zog deren neu gewähltes Regiment durch die Gassen und der «Äussere Stand» erwies ihm die Ehre. Ein erstes Mal existierten also die klar strukturierten und die lauten Jungen nebeneinander.

Danach ebbte der Tanz zu einem scheuen Fusswippen ab. Der Beat ging aber, dank in kleinem Kreis politisierenden Burschenschaften, nie ganz verloren. Das Aufkommen des Begriffs «Jugend» im 19. Jahrhundert brachte schliesslich neue Rhythmen hervor. Jugendpolitik war nun nicht mehr als «für», sondern «von» der Jugend zu deuten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war diese noch sehr konventionell, es entstanden erste karitative oder paramilitärische Jugendverbände wie Pro Juventute oder die Pfadfinder. In der Zwischenkriegszeit kamen dann die ersten Jungparteien dazu. 

 

Lebendige Tanzeinlagen der Jugendbewegungen

Schliesslich bildeten sich nach 1945 Jugendbewegungen, die sich für die Schaffung von Jugendhäusern und -zentren einsetzten und sich mit Mode, Musik und Medien von den Erwachsenen abgrenzten – es entstand eine jugendliche Subkultur. Fast gleichzeitig – nämlich 1948 – fanden 27 Jugendparlamente zur Vereinigung Schweizer Jugendparlamente (VSJP) zusammen. Es folgte ein Auf und Ab mit einer Auflösungswelle in den 1950er-Jahren und zahlreichen Neugründungen im nächsten Jahrzehnt, die in der Etablierung des Schweizer Jugendparlaments (SJP) gipfelten.

Die Jugendbewegungen wurden in den 1960er Jahren vermehrt politisch. Der Tanzstil wurde aggressiver und der Platz für die konventionellen Akteure wurde enger. Die 68er-Bewegung prägte, wie keine andere vor ihr, eine gesamte Generation. So konkurrenzierte sie auch die Jugendparlamente und führte dazu, dass deren Ära vorübergehend zu Ende ging.

 

Zurück zum Standardtanz?

Während der Kalte Krieg eher durch eine turbulente Jugendpolitik geprägt war und die Jugendunruhen in den 1980er Jahren nochmals aufloderten, fand seit 1991 eine Rückkehr zu institutionalisierterer Jugendpolitik statt. Zwanzig Jahre nach der schweizweiten Einführung des Frauenstimmrechts wurde das nationale Stimm- und Wahlrechtsalter in der Schweiz von 20 auf 18 Jahre gesenkt. 

Ebenfalls 1991 fand erstmals die Eidgenössische Jugendsession der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände SAJV im Bundeshaus statt. 1993 trafen sich dann verschiedene Jugendparlamente und -räte zur ersten Jugendparlamentskonferenz (JPK). Beide Formate bewährten sich und werden bis heute von zwei unterschiedlichen Organisationen weitergeführt. Der DSJ wurde anlässlich der dritten JPK am 4. November 1995 gegründet und war in den folgenden 15 Jahren ein kleiner Jugendverband, der jährlich die Delegiertenversammlung, die JPK und teilweise auch ein Präsidententreffen sowie Seminare durchführte. Daneben publizierte der DSJ das Magazin „Der Elch“ sowie Broschüren zu den Jugendparlamenten und es formierten sich Arbeitsgruppen zu verschiedenen politischen Themen. 

Zwischen 2007 und 2009 sank die Anzahl der Jugendparlamente auf gerade noch 36 und der DSJ sah sich gezwungen, neue Moves auszupacken, um auf der Tanzfläche zu bleiben. Mit einer ersten Dreijahresstrategie ab 2011 und der Übernahme des Projekts easyvote[2], das vom Jugendparlament Köniz gegründet und einige Jahre von Jugendparlamenten aus dem Kanton Bern weitergeführt worden war, hatte sich der DSJ warmgelaufen und war bereit für die nächste Runde. Ab 2011 stiegen die Leistungen sowie der Personalbestand kontinuierlich an und der Umsatz verzehnfachte sich innerhalb von sechs Jahren. Durch die Einführung einer professionellen Geschäftsstelle konnte diese die operativen Tätigkeiten vom Vorstand übernehmen und der Vorstand kann sich seitdem auf seine strategischen Aufgaben fokussieren. 2015 ging zusätzlich die Plattform engage.ch[3] online und ab 2018 wurde der Bereich Grundlagen Politische Partizipation aufgebaut.

 

Alleine tanzen wäre langweilig

Während es nun lange Zeit eher ruhig und gesittet zu und her ging, und einige bereits über die apolitische Jugend lamentierten, bringen die Klimastreiks seit 2019 neue Dynamik in die Jugendpolitik. Es handelt sich dabei um die grössten Jugendproteste der Schweizer Geschichte. Auch in Bezug auf Häufigkeit und Dauer hat sich seit den 1980er Jahren keine so aktive Bewegung mehr formiert (SRF, 2019). Verdrängt diese Massenbewegung nun alle etablierten Institutionen der Jugendpolitik? Und müssen die Jugendparlamente erneut um ihre Existenz bangen? 

Der DSJ ist heute sehr breit aufgestellt und kann unterschiedlichste Bedürfnisse abdecken. Eher auf der klassischen Seite stehen die Jugendparlamente selbst oder die Informationen zu Abstimmungen und Wahlen von easyvote. Gleichzeitig gibt es aber auch weniger institutionalisierte Formen der politischen Mitwirkung, wie beispielsweise die digitale Partizipation über engage.ch oder das Engagement des DSJ im Civic Tech-Bereich. Bisher haben die Entwicklungen rund um die Klimastreikbewegung aufgezeigt, dass auch ein Neben- und Miteinander von institutionalisierter Jugendpolitik und grossflächig mobilisierten Jugendbewegungen möglich ist. Und wieder kann das Tanzbattle als Vergleich hinhalten: Nur der Wettbewerb macht es für TänzerInnen und ZuschauerInnen spannend und verschafft ihm die nötige Aufmerksamkeit. Also tanzen wir weiter und stärken somit gemeinsam die Jugendpolitik.


[1] Mehr zu den frühen Zeiten von Jugend und Politik erzählt der «Stadtwanderer» (Claude Longchamp) in seiner virtuellen Stadtwanderung durch die Bundesstadt Bern. Die Führung lohnt sich – auch von zu Hause aus! Soweit nicht anders angegeben, sind die historischen Ereignisse dem Text der Stadtwanderung und internen Dokumenten des DSJ entnommen.

[2] easyvote setzt sich zum Ziel, dass 18- bis 25-Jährige sich für Politik interessieren und genug über politische Themen und Prozesse wissen, damit sie sich nicht überfordert fühlen. Dazu stellt dieser Bereich des DSJ Informationen zu Abstimmungen, Wahlen und politisch aktuellen Themen bereit und fördert mit easyvote-school die Diskussionskultur.

[3] Heute können Jugendliche dort Anliegen und Ideen zu lokalen, regionalen und nationalen Themen einfach online einbringen und Gemeinden und Jugendparlamente können so die junge Bevölkerung in politische Strukturen einbeziehen.


Text von Simon Eggimann, 27.05.2020

 

Quellen: