Geht der Siegeszug der Frauen durch alle föderalen Ebenen weiter?

 

Das Jahr 2021 wird in die Geschichtsbücher eingehen. Die Schweiz feiert nicht nur 50 Jahre Stimm- und Wahlrecht für Frauen. Am 18. April 2021 wählte Neuenburg als erster Kanton eine Frauenmehrheit ins kantonale Parlament – und wie! Waren es zuvor noch knapp ein Drittel, sind neu 58 % der Mitglieder des Kantonsparlaments Frauen. Die Frauen halten je länger je mehr Einzug in die Parlamente der Schweiz. Handelt es sich dabei um einen langfristigen Trend, der alle föderalen Ebenen erfassen wird, oder gerät diese Entwicklung bei den Gemeinden ins Stocken?

 

Jasmin Odermatt und Simon Eggimann, Mai 2021

Helvetia hat gerufen und wurde gehört, zumindest in Bundesbern: Seit den letzten eidgenössischen Wahlen im Jahr 2019 ist das nationale Parlament deutlich weiblicher und jünger geworden. Im Nationalrat sitzen seither 42 % Frauen (BFS, 2021). Das sind so viel wie noch nie zuvor. Auch im Ständerat stieg der Frauenanteil nach einem Taucher bei den vorletzten Wahlen wieder an und erreicht nun rund 26 % (BFS, 2021). Ein Novum hinsichtlich der Frauenvertretung in Parlamenten auf Kantonsebene ergab sich jüngst im April 2021. Der Kanton Neuenburg verfügt neu über ein Parlament mit 58 % Frauenanteil (SRF, 2021). Und in der Stadt Bern sitzen seit den Wahlen 2020 sogar 70 % Frauen in der Legislative– das ist absoluter Höchstwert in der Schweiz (Tages-Anzeiger, 2020). So viel also zu den SpitzenreiterInnen.

Ein Blick auf die Zahlen des Bundesamts für Statistik bestätigt zwar: Der Trend zeigt aufwärts, aber das Niveau ist teilweise noch sehr tief. Im Durchschnitt beträgt der Frauenanteil in allen Kantonsparlamenten nach wie vor nur 31,8 %. Und in den städtischen Legislativen sind es schweizweit im Schnitt nur halb so viele Frauen wie in Bern, nämlich 35 % (BFS, 2021). Für kleinere Gemeinden sind wenig detaillierte Zahlen vorhanden und in vielen übernimmt die Vollversammlung die Rolle eines Parlaments. Schaut man als Alternative die Exekutive an, zeigt sich ein ernüchterndes Bild. Nur gerade jeder vierte Exekutivsitz wird von einer Frau besetzt (NZZ, 2020). Verhallt der Ruf von Helvetia also in den Hügeln und Tälern der ländliche(re)n Schweiz? Oder braucht es einfach etwas Zeit, damit er von starken Stimmen auch dorthin weitergetragen werden kann?
 

Wieso (k)ein Milizamt?

Im vorletzten Blogbeitrag wurde aufgezeigt, dass Frauen auf nationaler Ebene überdurchschnittlich gut gewählt werden. Zudem wurden Anzeichen festgehalten, die darauf hindeuten, dass dies auch in Kantonen und Gemeinden der Fall sein dürfte. Wieso kandidieren also nicht mehr Frauen für ein Milizamt? Es stellt sich die Frage, ob ein solches für Frauen genügend attraktiv ist.

Wir erinnern uns: Freitag et al. (2019) haben Männer und Frauen in Milizämtern gefragt, was sie überhaupt für die Milizarbeit motiviert. Bei den meistgenannten Motiven, dem Einsatz fürs Gemeinwohl, der Mitbestimmung in der Gemeinde und dem Einsetzen und Erweitern von Talenten, gibt es nur geringfügige Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Es zeigte sich, dass die Eigeninitiative für die Milizarbeit bei Männern häufiger ist. Hängt das allenfalls damit zusammen, dass Männer, bevor sie ein Milizamt antreten, häufig nicht das Gefühl haben, dass ihr fachliches Wissen zu gering sei (17 % bei den Männern im Gegensatz zu 38 % bei den Frauen)? Nach Antritt eines Amts vergrössert sich dieser Prozentsatz allerdings bei den Männern so stark, dass diese es als ein grösseres Problem wahrnehmen als ihre Kolleginnen (44 % bei den Männern gegenüber 32 % bei den Frauen). Entsprechend trauen sich Frauen vor Antritt eines Milizamts weniger Fachwissen zu, obwohl dies anschliessend nicht mehr so ein grosses Problem darstellt. Vielleicht geben Frauen aus diesem Grund bei der Motivation fürs Milizamt auch häufiger als Männer an, dass ihnen die Tätigkeit Spass macht und dass sie ihre Persönlichkeit weiterentwickeln können. Gilt es also in erster Linie, diese Hürde der (falschen) Selbsteinschätzung zu meistern?
 

Weniger politische Ambition unter jungen Frauen

Eine weitere mögliche Erklärung scheint in den politischen Ambitionen zu liegen. Die in Zusammenarbeit von Fachhochschule Graubünden und Dachverband Schweizer Jugendparlamente DSJ erstellte und 2019 publizierte Studie PROMO35 zeigt auf, dass junge Erwachsene sich oftmals nicht von sich aus für ein Milizamt melden, sondern proaktiv angegangen werden müssen. Dieser Aspekt dürfte bei jungen Frauen noch ausgeprägter sein, als bei jungen Männern. Jüngst präsentierte Resultate einer neuen Studie der Universität Zürich zeigen bei Studierenden einen grossen Gender Gap in den politischen Ambitionen auf. Werden Studierende gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, aktiv in der Politik zu sein, geben 32 % der Männer an, sich eine Kandidatur für ein politisches Amt vorstellen zu können. Dahingegen sind es unter den studierenden Frauen nur 15 %, die diese Frage mit ja beantworten. Mehr Unsicherheit, weniger Proaktivität und weniger Ambitionen bei jungen Frauen – das lässt vermuten, dass eine erfolgreiche Zukunft des Schweizer Milizsystems hinsichtlich des weiblichen Nachwuchses kein Selbstläufer ist.
 

Landflucht – auch hier ein Thema

Hinzu kommt, dass junge Menschen für Ausbildung und Beruf vom Land abwandern und die ländlichen Gemeinden von Überalterung betroffen sind. Lea Schmid (22) aus Rüegsau im Kanton Bern bringt auf den Punkt, wieso ein politisches Engagement für junge Frauen in einer ländlichen Gemeinde aus ihrer Sicht weniger attraktiv ist: «Es gibt Personen, die sind überfordert mit dem ganzen Dorfkern. Wenn man eine spezielle Position hat, sei es als politisch linke Person in einer bürgerlich dominierten Gemeinde oder als queere Person, kann das schwierig sein. Weiter bietet die Stadt mehr Möglichkeiten, was die Freizeitgestaltung oder die Arbeit angeht.» Es lässt sich zudem feststellen, dass studierenden Frauen mobiler sind und sie nach dem Abschluss auch weniger oft an den Herkunftsort zurückkehren als ihre männlichen Kommilitonen (Dubach und Schmidlin, 2005). Und wer einmal weggezogen ist, hat dann oftmals weniger stark das Bedürfnis, sich in der Heimatgemeinde noch politisch zu engagieren.
 

Wie weiter?

Es laufen etliche Initiativen, die gerade im Jubiläumsjahr des Frauenstimm- und Wahlrechts darauf hinweisen, dass weibliche Stimmen in der Politik wichtig sind. Gerade Jugendliche haben politisch in den letzten Jahren einiges in Bewegung gebracht – beispielsweise im Rahmen der Klimastreiks. Nun gilt es, diese auch aktiv für Milizämter anzusprechen und die Bedingungen zur Ausübung eines Amtes den entsprechenden Lebenswelten anzupassen. Wie das bei jungen Frauen am besten gelingen kann, will der DSJ im Herbst 2021 im Rahmen der Soirée Politique erneut thematisieren. Solange die Rahmenbedingungen stimmen, kann davon ausgegangen werden, dass sich der Trend eines höheren Frauenanteils auch auf Gemeindeebene manifestieren wird – wenn auch unter Umständen etwas verzögert.
 


Quellen

Bundesamt für Statistik, 2021. Frauen und Wahlen: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/politik/wahlen/frauen.html#1658809940 (zuletzt besucht am: 11.05.2021)

Derungs, Curdin und Dario Wellinger. 2019. PROMO 35. Politisches Engagement von jungen Erwachsenen in der Gemeindeexekutive – Analysen und Stossrichtungen. Chur: HTW Chur Verlag.

DSJ, 2020. Should I stay or should I go: https://www.dsj.ch/publikationen/should-i-stay-or-should-i-go/

Dubach, Philipp und Schmidlin, Sabina, 2005. Studentische Mobilität an den Schweizer Hochschulen: Ergebnisse der Absolventenbefragungen 1991 bis 2003. Bundesamt für Statistik.

Freitag, Markus, Pirmin Bundi und Martina Flick Witzig, 2019. Milizarbeit in der Schweiz. Zahlen und Fakten zum politischen Leben in der Gemeinde. Basel: NZZ Libro.

NZZ, 2020. Parteilose regieren die Schweizer Gemeinden – Ältere bestimmen vermehrt das politische Leben. https://www.nzz.ch/schweiz/gemeinden-parteilose-maenner-und-aeltere-sind-in-exekutive-ld.1581787 (zuletzt besucht am 17.05.2021)

SRF, 2021. Frauenmehrheit im Neuenburger Kantonsrat – ein Schweizer Novum: https://www.srf.ch/news/schweiz/fast-60-prozent-frauenmehrheit-im-neuenburger-kantonsrat-ein-schweizer-novum (zuletzt besucht am: 11.05.2021).

Tages-Anzeiger, 2020. Bern, Hauptstadt des Feminismus: https://www.tagesanzeiger.ch/70-prozent-frauenanteil-berns-parlament-schreibt-geschichte-771657889386 (zuletzt besucht am 11.05.2021).