„Wir haben viel Pionierarbeit geleistet“

Maurus, du hast in den letzten fast sieben Jahren massgeblich zum Erfolg des DSJ beitragen können. Neben neuen Angeboten und Dienstleistungen des DSJ gibt es heute 75 Jugendparlamente und Jugendräte in der Schweiz und der DSJ erreicht durch seine Angebote immer mehr Jugendliche. Was waren die grössten Meilensteine in den letzten Jahren?  

Der DSJ ist vor ungefähr zehn Jahren fast eingegangen und auch die Zahl der aktiven Jugendparlamente war gegenüber Anfang der 2000er-Jahre stark gesunken. Damals war der DSJ an seinem Tiefpunkt. Doch dann hat der Jugendverband den Turnaround geschafft. Zu den wichtigsten Gründen, warum sich der DSJ ab 2011 in dieser Form entwickeln konnte, zählten anfangs sicher das neue Kinder- und Jugendförderungsgesetz (2013 in Kraft getreten). Auf dessen Grundlage konnte eine neue und höhere Subventionsvereinbarungen mit dem BSV abgeschlossen werden, da die Förderung der politischen Partizipation im neuen Gesetz besser verankert wurde. Ausserdem wurden die easyvote-Broschüren 2011 (damals unter dem Namen Easy-Abstimmungsbüechli) in die Tätigkeiten des DSJ integriert, woraufhin sich die Reichweite der easyvote-Broschüren auf die ganze Schweiz ausweitete. Darauf aufbauend hat der DSJ seine Angebote Schritt für Schritt ausgebaut, um die Jugendparlamente besser zu unterstützen und neue Angebote zur Förderung der politischen Partizipation für Jugendliche zu schaffen. Denn nicht alle Jugendliche möchten sich direkt in einem Jugendparlament engagieren. 

Gab es auch externe Einflüsse, welche die Entwicklung begünstigt haben? 

Der DSJ konnte in den letzten Jahren einerseits davon profitieren, dass es in der Schweiz im Bereich der politischen Partizipation sehr wenig Nachwuchsförderung gab. Im Vergleich zum Sport oder Kultur fristete die Nachwuchsförderung in der Politik lange ein Mauerblümchendasein. Andererseits hat der Stellenwert der Partizipation in der Jugendpolitik in den letzten Jahren zugenommen, so auch der Trend nach mehr politischer Mitwirkung von Jugendlichen. So konnte der DSJ in diesem Bereich wichtige Pionierarbeit leisten. 

Was brauchte es alles für Anstrengungen während dieser Entwicklung?

Der DSJ hat sich nicht nur gegen aussen entwickelt, sondern auch gegen innen. Zur positiven Entwicklung des Verbands beigetragen haben sicherlich auch die klaren Strategien 2014–16 und 2017–19. Dadurch konnte die Entwicklung des DSJ Schritt für Schritt vorangetrieben werden. Die Grundlage für diese beiden Strategiephasen waren die neuen im Jahr 2014 revidierten Statuten. Diese wurden nach dem Governance-Ansatz aufgesetzt, das heisst,es wurden die operative und strategische Trennung vollzogen und die statuarischen Ziele ausgeweitet. In die Professionalisierung der Geschäftsstelle wurde auch zur richtigen Zeit genug investiert, bspw. in IT-Infrastruktur, Räumlichkeiten, Buchhaltung, Personal sowie in Reglemente. So wurden auch frühzeitig die organisatorischen Grundlagen geschaffen, damit der Vorstand denDSJ in der heutigen Grösse auch führen kann. Dies war mir immer wichtig, dass der Vorstand der Führungsaufgabe gewachsen bleibt. Ohne die Jugendparlamente im Rücken als Träger des DSJ hätte sich der DSJ nicht in dieser Form entwickeln können, davon bin ich fest überzeugt. Dies unterscheidet den DSJ wohl auch von anderen Akteuren, die in einem ähnlichen Bereich aktiv sind. 

Nicht zu vergessen sind die engagierten Personen im Vorstand und auf der Geschäftsstelle, die ihren Job sehr gut gemacht haben (und nach wie vor machen) und dass alle immer am gleichen Strick gezogen haben. Ohne diese vereinte Kraft und Energie von sehr vielen Personen würde der DSJ nicht da sein, wo er heute steht. 

Was waren die grössten Herausforderungen? 

Die grösste Herausforderung als Geschäftsleiter war sicherlich, in einer solchen Entwicklungsphase ein gesundes Gleichgewicht zwischen Stabilität und Dynamik zu finden. Meistens ist mir dies gelungen, ab und zu wollte ich vielleicht zu viel, aber in einer solchen Funktion muss man auch Visionen haben, wohin die Reise geht. Teilweise herausfordernd war auch eine gute Zusammenarbeit zwischen Vorstand und Geschäftsstelle zu gewährleisten und die Entwicklungen zu konsolidieren. Schlussendlich haben wir diese Zeit auch erfolgreich bestanden, da wir auch durchgebissen und die Prioritäten richtig gesetzt haben. Die grösste Herausforderung, die einfach zu benennen ist, und die wir aber gut gemeistert haben, ist die Finanzierung. Ohne eine entsprechende Finanzierung wäre der DSJ heute nicht da, wo er ist. Und die Finanzierung muss immer Chefsache sein. 

Wenn du die Situation heute mit jener vor sieben Jahren vergleichst: Was ist die grösste Veränderung beim DSJ?

Der DSJ ist heute bekannter, vernetzter und wird auch ernster genommen. Auch die Angebote des DSJ haben sich verbessert und allfällige Lücken wurden geschlossen. Weiter nehme ich aus Rückmeldungen wahr, dass die Jugendparlamente heute ein besseres Image haben als früher. Die Entwicklung des DSJ hat auch einen positiven Beitrag zur Sichtbarkeit der Jugendparlamente gleistet. Der DSJ ist zudem stabiler geworden, vieles hat sich auf der Geschäftsstelle inzwischen eingespielt. Wenn es an der Jugendparlamentskonferenz JPK einen Verlust von CHF 10‘000.– gibt, ist dies nicht mehr existenzbedrohend für den DSJ; als ich angefangen habe, war dies noch anders. 

Und was ist gleichgeblieben während dieser Zeit? 

Was gleichgeblieben ist, ist das durchschnittliche Alter auf der Geschäftsstelle und im Vorstand sowie die DSJ-Kultur. Ein bisschen professioneller und erwachsener ist der DSJ zwar geworden, aber im Kern tickt der DSJ noch immer gleich wie damals, als ich die Geschäftsleitung übernommen habe. Was mich auch sehr freut, ist, dass unsere Basis, die Jugendparlamente, auch den gleichen Spirit haben. Die gute und engagierte Stimmung an einer Jugendparlamentskonferenz JPK ist immer gleichgeblieben, auch das letzte Mal in Neuchâtel. 

Woher hast du den Antrieb und die Motivation für die vielen Ideen, Projekte und den Durchhaltewillen geholt? 

Es war die Sache selbst, für die sich der DSJ tagtäglich einsetzt, die mich stets angetrieben hat. Als ich beim DSJ angefangen habe, habe ich für die Website ein Zitat abgegeben: „Für alles gibt es heute Ausbildungen und Diplome, ausser für PolitikerInnen, welche die grösste Verantwortung zu tragen haben, daher brauchen wir Jugendparlamente.“ Auch heute bin ich noch der Ansicht, dass Jugendparlamente eine wichtige Schlüsselfunktion in der Schweizer Politik einnehmen. In der Schweiz haben BürgerInnen so viele Möglichkeiten zur Mitwirkung, doch es klafft eine Lücke, zwischen diesen Möglichkeiten bzw. dieser Verantwortung, die gefordert wird, und wie die BürgerInnen dazu befähigt werden, sie wahrzunehmen. Daher braucht die Schweiz umso mehr eine politische Nachwuchsförderung, da wir keine Politeliten haben, die an irgendeiner Elitenuniversität ausgebildet werden. Klar kann man in der Schule politische Bildung betreiben, aber bürgerliches Engagement passiert ausserschulisch mitten in der Gesellschaft. Am Sonntag stimmen dem immer alle zu, aber wenn man etwas Konkretes auf die Beine stellen will, dann geht es um mehr: gute Ideen haben, deren Finanzierung sichern und sie konkret umsetzen. Das ist das, was mich interessiert hat: dass der DSJ mit seinen Leuten auch etwas umsetzt, konkret etwas erreichen und bewirken kann. Mir war der Output wichtig und da hatten wir immer wieder Erfolgserlebnisse, die mich weiter motiviert haben. Natürlich brauchte auch ich die richtigen Personen, das richtige Umfeld im Vorstand und auf der Geschäftsstelle, um durchzubeissen, wenn es nötig war. Was sicher auch immer geholfen hat, trotz unterschiedlichen Meinungen, war, dass wir immer zusammen am gleichen Strick gezogen haben. 

In deiner Rede an der Jugendparlamentskonferenz JPK 2018 hast du gesagt, dass es nach so vielen Jahren Zeit für etwas Neues ist, für den DSJ sowie auch für dich. Mit Stefanie Bosshard kommt ein frischer Wind in die Geschäftsstelle. Was übergibst du ihr?

Ich bin stolz, dass ich den DSJ nun mit einem sehr guten Fundament übergeben darf. Wenn der DSJ seine bisherigen Angebote jetzt noch verbessern und die Reichweite der Angebote vergrössern kann, dann wird auch die Wirkung je länger je sichtbarer, davon bin ich überzeugt. Die Geschäftsstelle mit den inzwischen über 50 Mitarbeitenden läuft sehr gut, die Strukturen sind gefestigt. In den nächsten Jahren ist für den DSJ daher sicher Kontinuität angesagt, nach dieser intensiven Aufbauphase. Auch sollten die Mitglieder des DSJ stärker von den verschiedenen Angeboten des DSJ profitieren können. Der Vorstand möchte mit der neuen Strategie für die Jahre 2020–22 ja auch den eingeschlagenen Weg weiterführen. 

Natürlich darf Stefanie auch einige Baustellen von mir übernehmen und sie bringt auch neue Kompetenzen, Ideen und ein neues Netzwerk mit. Dies ist vor allem im Bereich Bildung und Ausbildung der Fall und hier liegt meiner Meinung nach noch Potenzial für den DSJ. Zudem tut es auch gut, wenn jemand anders diese Funktion übernimmt, über die Zeit entstehen automatisch Muster, die nun aufgebrochen werden können. Stefanie wird somit frischen Wind auf die Geschäftsstelle bringen und sicher einiges ändern. Sie soll den DSJ auf ihre Art prägen, so wie ich dies auch tun durfte. Das Einzige, was ich mir wirklich erhoffe, ist, dass sie ihre Arbeit als Geschäftsleiterin mit Freude machen kann.

Maurus, herzlichen Dank für die sieben Jahre vollen Einsatz, Ideenreichtum, Energie und Herzblut – ohne dich wäre unser Jugendverband definitiv nicht das, was er heute ist. Für deine Zukunft wünschen wir dir alles Gute.

Maurus Blumenthal, JPK 2018